Kultur : Straße der Sieger

Peter Licht hatte vor Jahren einen Sommerhit. Jetzt überrascht der Kölner mit „Liedern vom Ende des Kapitalismus“

Kai Müller

„Hast du schon gehört?“, will die sympathische Stimme eines jungen Mannes wissen, „das ist das Ende/ Das Ende vom Kapitalismus – jetzt isser endlich vorbei.“ Die beiden E-Gitarren im Hintergrund können es auch nicht glauben und tuscheln, ein Marimbafon plärrt, Bass und Schlagzeug gehen vor die Tür, um nachzusehen, ob’s stimmt. „Vorbei, vorbei, vorbei, vorbei, vor-horbei“, jubelt der Chor, „Is ja auch lang genug gewesen.“ In der Welt des Peter Licht ist einiges anders als gewöhnlich. Nicht einmal die Naturgesetze gelten noch.

Immerhin ist der Popkünstler mit dem klangvollen Namen kein Bürostuhl mehr. Denn das war er einmal. Als er 2001 mit seiner schrägen Außenseiterhymne „Sonnendeck“ einen Überraschungshit landete, verweigerte er sich der üblichen Vermarktungsmaschine und schob einen ordinären Bürostuhl statt seiner selbst ins Rampenlicht. Was ganz gut passte zu einem Song, in dem jemand immer woanders ist, „im Solarium oder am Radar“, jedenfalls nie da, wo man ihn vermutet. Der Stuhl war leer. Er war wohl auch nicht zum Draufsitzen gedacht.

Seitdem hat Peter Licht zwei Alben veröffentlicht, wovon das zweite („Stratosphärenlieder“, 2003) sang- und klanglos unterging. Nun ist bei Motor Music die dritte und beste Platte erschienen mit „Liedern vom Ende des Kapitalismus“ – und Peter Licht will nichts anderes mehr sein als Peter Licht.

Trotzdem weigert er sich, Fotos zu machen, auf denen man ihn erkennt und etwas über seine Vita zu verraten. Die Musik soll für sich stehen. Ein Mensch ist er, so viel ist gewiss. Einer, der angeblich Meinrad Jungblut heißt, Werbetexter gewesen sein soll und in seinem Kölner Domizil eine stattliche Instrumentensammlung besitzt, mit der er „alles so aufhäuft, so türmt“, dass er die Songs dann mühsam wieder ausdünnen muss, weil er der Einzige ist, der sich in den undurchdringlichen Soundclustern zurechtfindet. Vielleicht rührt daher der melancholische Optimismus seiner Musik, in der es ständig um Abschiede geht. „Draußen vor der Türe/ liegen in den Straßen die Fragen/ wie die Toten/ über die du steigen musst“, singt Licht in einen seiner vergnüglichen Songs.

„Lieder vom Ende des Kapitalismus“ ist eine der erstaunlichsten deutschsprachigen Platten seit langem. Ein rheinisches Dada-Karussell, das die Geister der Fehlfarben und Helge Schneiders anruft und klug-schillernde Pointen bereithält: „Was du nicht kannst, ist mehrere Leben führen/ Was du nicht kannst, ist auf mehreren Schiffen stehen.“ Lässig wischen die dreizehn Songs jeden Trübsinn beiseite, der auch in ihnen steckt. Da wird das gesellschaftliche System verabschiedet wie ein alte Tante, die viel zu lange zu Besuch war, und das absolute Glück darin gesehen, „als allerletzter Mensch an der Rampe zu stehen“. Etwas Apokalyptisches ist solchen Tabula-Rasa-Fantasien durchaus eigen, ohne dass sich der musikalische Horizont verdunkelt. „Wir werden siegen“, lautet vielmehr die todernst gemeinte, freudige Parole, die auf den Schwingen einer Revolutionshymne daherkommt. So inständig wird der Moment beschworen, da alle „wieder glücklich sein können“, dass man wie vom Fernlicht eines heranschießenden Autos geblendet der Autosuggestion, das Böse bereits erledigt zu haben, gerne erliegt.

Peter Licht mag ein Kauz sein. Ein Kasper oder Scharlatan ist er nicht. Vielmehr nutzt er die Verführungskraft seiner beglückenden, intimen Popsongs als utopischen Klangraum. Diese Musik vermittelt Erfahrungen, die man zu gerne einmal wirklich machen würde. Wobei es nicht um den Fluchtpunkt einer Idylle geht, sondern um Traumgebilde und Antithesen, die mit dem gesellschaftlichen Ganzen, dem Missmut und der kommerziellen Dauererregtheit verklammert bleiben.

Parallel zur Platte erscheint im Blumenbar Verlag auch ein „Buch vom Ende des Kapitalismus“. Darin hat Peter Licht Gedichte, Liedtexte, Tagebucheinträge und Kurzgeschichten zusammengestellt, die ihn vor allem als versierten, hintergründigen Aphoristiker zeigen („Ich legte meine Hemmungen beiseite wie das Silberbesteck“). Das ist ulkiger, als es ergreifend ist, auf vielen Seiten steht Entbehrliches. Und doch spürt Licht auch als Literat den Traum- und Glücksfetzen nach, die wie Bernsteininsekten im kollektiv-deprimierten Bewusstsein festsitzen. Mit ihnen kann man nichts anfangen im Alltag, außer diesen damit beenden.

Peter Licht, „Lieder vom Ende des Kapitalismus“ ist bei Motor Music erschienen; „Wir werden Siegen“, Blumenbar Verlag, München, 157 Seiten, 14 €

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