Kultur : Straßentheater

Anatomie einer Jugendrevolte: die Pariser Krawalle und die französischen Rituale der Selbstfindung

Wolfgang Kaschuba

Nicht nur in Paris sucht man nach einer Antwort auf die Frage nach den Jugendkrawallen. Zunächst schienen sie unzweifelhaft aus der migrantischen Situation hervorgebracht. Durch die Frustration von Migrantenkindern, die im wirtschaftlichen und sozialen Scheitern ihrer Eltern ein System ethnischer Diskriminierung bestätigt sehen. Dieses System setzt auch sie alltäglichen Demütigungen aus: in Ausbildung und Jobsuche, bei Kontrollen der Polizei, in der Stigmatisierung allein durch die Wohnadresse. Die aufgestaute Wut explodierte nach dem Unfalltod zweier Jugendlicher am Rande einer Polizeiaktion und den Macho-Posen eines rechtspopulistischen Innenministers, der sie „Abschaum“ nennt.

Doch weder ethnische Zuschreibungen noch religiöse Motive liefern eine schlüssige Begründung für das Ausmaß der Unruhen. Das Szenario vom „Kampf der Kulturen“ lässt sich ebenso wenig bestätigen wie die Rede von der „Parallelgesellschaft“. Ebenso misslingt der Versuch, die sozialen Konflikte auf ein kulturelles Feld zu verlagern, in dem dann kulturelle Missverständnisse und mentalitäre Defizite für die Situation haftbar gemacht werden, also die Zukurzgekommenen selber. Denn von ethnischem Revival und religiösem Eifer ist bei den Brandstiftern der Vorstädte wenig zu erkennen. Entsprechende Journalistenfragen evozierten eher belustigte Reaktionen.

Also doch soziale Deklassierung? Es setzt sich die Ansicht durch, dass die räumliche und soziale Marginalisierung der Banlieues eine neue Unterschichtung herausgebildet hat. Wer dort lebt, in Welten aus Stein und Beton, lebt nur in Sichtweite, nicht aber Reichweite einer bürgerlichen Gesellschaft. Diese Gesellschaft beruft sich nachdrücklich auf Gestaltungschancen des eigenen Lebens. Diese gelten in den Vorstädten zwar ebenfalls, aber mangels Ausbildung und sozialem Startkapital können sie nicht ergriffen werden. Wer da draußen lebt, lebt damit auch „unten“. Dass sich diese Position längst vererbt hat, wissen alle Vorstadtkids.

Doch auch das „soziale Gefälle“ erklärt nicht, weshalb Autos brennen, Jugendliche immer härtere Strafandrohungen ignorieren und von der französischen Regierung Notstandsgesetze angewandt werden müssen. Eine ganz andere Dimension des sozialen Raumes gerät in den Blick: seine symbolische Struktur. Postindustrielle Gesellschaften ordnen sich keineswegs nur über Ökonomien und Arbeitsplätze, über Schichtzugehörigkeiten und Status. Vielmehr spannt sich in ihnen auch ein feines Gewebe kultureller Zeichen und Muster auf, in dem der Einzelne ebenso wie Gruppen gesellschaftliche Bestätigung und Sicherheit finden müssen: Signale der Wahrnehmung, Anerkennung, Achtung, die in den Lebenswelten, den politischen Öffentlichkeiten wie den Medien übermittelt werden. Bleiben derlei Botschaften aus, fühlen wir uns ausgegrenzt, ohne Bindung, ohne Identität. Die Folge: Wer sich im symbolischen Raum gesellschaftlicher Öffentlichkeit unbeachtet und nicht geachtet fühlt, der schlägt zurück. Und zwar in seiner eigenen Sprache, welche die der Mehrheitsgesellschaft konterkariert und deren Symbolpolitik entkräftet. Das Ergebnis ist das Wiedererstarken einer zornigen Jugendkultur. Sie will sich selbst abwenden, nicht passiv ausgeschlossen werden. Dabei ist es kein Zufall, dass die Akteure vor allem jüngere Jugendliche sind, die Zwölf- bis Sechzehnjährigen, die in einer Welt der Vorstadtstraßen und der Gangs aufwachsen mit Graffiti und Tattoo, mit Handy und Stoff, mit Zidane und Rap. Diese in sich geschlossene Welt besteht auch außerhalb einer Schule, die sich inzwischen weder mit autoritär noch multikulturell inspirierter Pädagogik zu helfen weiß. Ihnen können die Eltern weder Orientierung bieten noch Instanz sein. Selbst die älteren Brüder, verwickelt oft in Arbeitslosigkeit und Kleinkriminalität, bieten kein Vorbild mehr.

Wir sehen eine Generation von Jugendlichen, die den Lebensstil der französischen Mittelklasse in Sichtweite hat und dort durchaus hin will, in die städtischen Zentren, zu Auto, Beruf, Konsum, Individualität. Da sich dieser Generation aber kein Weg dorthin öffnet, muss sie ein radikal anderes Leben leben: trotzig, wütend, demonstrativ! Für diese Geste ist die Straße die Bühne und das Auto das Requisit. Diese Fackel der Vorstädte leuchtet bis in die Zentren – wie ein Autodafé, bei dem ein Gut der „anderen Kultur“, das einem selbst (noch) unerreichbar ist, symbolisch vernichtet wird. Das ist eine gleichsam performative Inszenierung des Eigenen im Gegenlicht der Zerstörung des Anderen – selbst wenn dieses Andere in den eigenen Autos und Schulen ausgemacht wird.

Im Kern wird in Frankreich dieser Tage eine lange Tradition der Jugendriten aufgenommen, in denen Symbolik und Gewalt stets eine wichtige Rolle spielten. Es sind Rituale einer männlichen Jugendkultur, die sich durch ihre Regelverletzungen an „Gesellschaft“ erproben will, dabei deren Grenzen auslotet und sich selbst in dieser oft schmerzhaften Erprobung identifiziert. Zumal in den Straßenschlachten mit der Polizei eine Vitalitätsbekundung steckt, die das Privileg der Jugend ist. Die Heranwachsenden fühlen sich endlich gefordert, so schnell zu rennen wie sie können, flinker und cleverer zu agieren als ihre Verfolger.

Allerdings zeigt der Blick in die Geschichte, dass es sich bei Jugendrevolten meist um kontrollierte und begrenzte Regelverletzungen handelte, um Saufereien und Raufereien, um Sachentwendungen und Sachbeschädigungen. So verstört uns heute keineswegs das einzelne brennende Auto. Gewaltakte und Mutproben dieser Art gehören seit Jahren zum Nachtbild französischer Vorstädte. Vielmehr ist es die Massenhaftigkeit und Gleichzeitigkeit, in der diese Gewaltrituale nun auftreten. Eine Spirale der Gewalt hat sich eröffnet, die von den Jugendlichen in ihren medialen Auswirkungen mindestens ebenso genau beobachtet wird wie seitens der Politik. In ihr sind sie aber doch das schwächere Glied. Denn brennende Autos sind keine Barrikaden, hinter denen man sich verschanzen könnte. Sie zeigen nur, was geschieht, wenn sich die Ausgeschlossenen selbst ausschließen.

In einem Song der Hamburger Rockband Tocotronic drückt diese Dynamik sich so aus: „Ich mag den Weg, ich mag das Ziel/ den Exzess, das Selbstexil/ Ich mag erschaudern und nicht zu knapp/ ich gebe jedem etwas ab/ All das mag ich/ All das mag ich/ Aber hier leben, Nein Danke.“

Der Autor leitet das Institut für Europäische Ethnologie an der Berliner Humboldt- Universität.

0 Kommentare

Neuester Kommentar