Strauss’ „Frau ohne Schatten“ : Preis der Seltsamkeit

Christian Thielemann und Christof Loy beleben in Salzburg Strauss’ „Frau ohne Schatten“

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Schreck, lass nach. Amme (Michaela Schuster) und Färberin (Evelyn Herlitzius). Foto: dpa
Schreck, lass nach. Amme (Michaela Schuster) und Färberin (Evelyn Herlitzius). Foto: dpaFoto: dpa

Es ist der Abend des Christian Thielemann, Salzburg tost und triumphiert, und selbst die Wiener Philharmoniker lassen sich zu einer besonderen Geste hinreißen. Als Thielemann die Musiker beim Schlussapplaus im Großen Festspielhaus ermuntert, aufzustehen, da folgen sie zwar, wie es sich gehört, bleiben aber nicht etwa dem jubelnden Publikum zugewandt, sondern drehen sich geschlossen zu ihm um, klopfen mit ihren Bögen, pochen auf ihre Pulte, klatschen heftig mit. Und der Berliner – während es die Sänger in seinem Rücken dem Orchester gleichtun – wiegelt erst gar nicht ab oder ziert sich groß, sondern nimmt entgegen, was er sich in den zurückliegenden viereinhalb Stunden erarbeitet hat. Dankbar, glückselig, erschöpft.

Es ist eine in jeder Beziehung extreme Lesart von Richard Strauss’ opulenter Zauberoper „Die Frau ohne Schatten“, mit der Thielemann hier brilliert: extrem durchsichtig, extrem morbide, extrem süßlich auch, extrem finster, extrem kraftvoll. Im Finale des zweiten Aktes etwa, wenn „Übermächte“ im Spiel sind und die okkulte Märchenwelt sich in ihren Konflikten hochheizt, da klingt das, was das Orchester macht, fast nicht mehr nach Musik. Eher nach Lava, die sich sammelt, um demnächst zu explodieren; oder nach einem schwarzsilbrigen, mythischen Tier, das sich räkelt. Gespenstisch.

Wie Thielemann noch im größten Aufruhr den Überblick wahrt, wie er brutal wird, ohne je die Klangcontenance preiszugeben, welchen Sog er entfacht, als griffe hier tatsächlich eine fremde Welt nach den Seelen der Zuschauer, das ist großartig. Und funktioniert letztlich nur, weil es auch das Gegenteil gibt: Die Liebesmusik des Färbers Barak im ersten Akt etwa („Gib du mir Kinder“), die so einfältig redet und so penetrant aus reinem Herzen quillt, dass man die Färberin, die böse ist und bockig und unfruchtbar, in ihren Attacken nur zu gut versteht.

Den Höhepunkt der Szene, nach Baraks „Ich preise die Seltsamkeit“, kleidet Thielemann in ein langes, überlanges, magnetisch-laszives Crescendo. Wie die Musik sich hier verdichtet, wie sie mehr wird und immer mehr, wie sie sich atmosphärisch bereit macht zur Apotheose und wie die dann ausbleibt, schmählich, das hat molekulare Qualitäten. Es gibt nicht viele Musiker, die die auskomponierte Nicht-Erfüllung, die typisch Strauss’sche Dialektik, die in diesen Takten liegt, so konsequent erfassen.

Die Extreme dieser Lesart aber haben noch einen anderen Effekt: Sie sind triftige Wegweiser durch eine monströse Partitur. Gemeinhin fühlen sich „Frau ohne Schatten“-Dirigenten zu einer Entscheidung genötigt: Packt man die große postwagnerianische Keule aus oder stürzt man sich (wie Ulf Schirmer vor zwei Jahren an der Deutschen Oper) mehr aufs Strukturelle, latent Moderne? Bei Thielemann stellen sich solche Fragen nicht.

Er hat beides, er kann beides – und ist im Übrigen viel weniger laut als die klassischen Strauss-Experten Karl Böhm oder Wolfgang Sawallisch. Wobei ihn das Strukturelle, die rhythmische Textur sicher noch mehr interessieren könnte, das Otto-Dixhafte der Figuren und Nebenfiguren, die dramatischen Scharniere und wie Strauss es darin knacken und knirschen lässt.

Ein Dirigent allein freilich macht noch kein Musiktheater, und das ist das große Weh dieser Premiere. Die Salzburger Sängerbesetzung bildet offenbar ziemlich genau ab, was der Markt im schweren Strauss-Fach gerade so zu bieten hat: nämlich viel, viel zu wenig. Es braucht keine Interpretationsvergleiche, um herauszuhören, wie sehr sich Stephen Gould als Kaiser quält. In der Mittellage dringt sein Tenor oft nicht durch, in der Höhe klingt er, pardon, wie ein gespanntes Betttuch. Und das soll der Herrscher „der südöstlichen Inseln“ sein, wie er in Hugo von Hofmannsthals Libretto steht, der weiße Gazellen jagt und zu Stein wird, wenn die Kaiserin, eine Geistertochter, nicht endlich einen menschlichen Schatten wirft?

Anne Schwanewilms singt diese Kaiserin und gibt das traurigste Rätsel des Abends auf. Ist sie nun indisponiert oder agiert sie auf Sparflamme (auch darstellerisch), weil die „Frau ohne Schatten“ in Salzburg ungekürzt gespielt wird (was der Partie im dritten Akt ein weithin unbekanntes Melodram beschert)? Ihrem Sopran jedenfalls fehlt jeder dramatische Kern, was sie mit flirrendem Vibrato und einigen Spitzendeckchentönen à la Schwarzkopf zu kompensieren trachtet. Früher oder später aber rächt sich eine solche Mogelei, besonders in den großen Ausbrüchen – bei „Ihm keine Hilfe, / dem andern Verderben“ im zweiten Akt bricht die Stimme sogar einmal.

Der Kaiserin den Schatten zu beschaffen, ist Aufgabe der Amme, was Michaela Schuster entschlossen angeht, mit großem, etwas ungeschlachtem Mezzo. Leider versteht man bei ihr und den anderen kaum ein Wort, was man gerade in diesem Fall weder dem Dirigenten noch dem Orchester anlasten kann, sondern ganz allein aufs mangelnde Handwerk schieben muss. Dass es anders geht, zeigt einzig Evelyn Herlitzius, die als Färberin den irre hohen musikalischen und stimmlichen Anforderungen gewachsen ist.

Gewiss, auch sie neigt zum Forcieren, zum Überschreien der Kulminationspunkte; doch wie präzise sie gestaltet, wie differenziert sie das Drama der Färbersfrau erzählt, die ihren Schatten verkaufen will, um dem Gefängnis ihres Lebens zu entfliehen, das hat starke Momente. Schade, dass mit Wolfgang Koch ein so blasser Barak verpflichtet wurde.

Christof Loys Inszenierung ist insofern rasch skizziert, als man nur seine „persönliche Inhaltsangabe“ der Oper im Programmheft lesen muss – und schon weiß man alles. Von einer historischen Schallplattenaufnahme in den Wiener Sofiensälen ist da die Rede, von einer jungen Sängerin, die sich zwischen Rolle und Ich verliert (die Kaiserin), und vom Rosenkrieg des Kollegenpaares B. (wie Barak). Und nichts anderes ist denn auch festzuhalten: Bühnenbildner Johannes Leiacker baut die Sofiensäle nach, Kostümbildnerin Ursula Renzenbrink steckt die Menschen in astreine Fünfzigerjahre-Klamotten, ein Aufnahmeleiter leitet die Aufnahme, eine Souffleuse souffliert, ein Hausmeister meistert das Haus, das Rotlicht brennt, und die Sänger singen in dicke Mikrofone. Ein ausgesprochen gebrauchsfreudiges, allerdings auch etwas stückfernes Arrangement.

Hin und wieder kippt das Ganze, was sonst, und fällt von der vermittelten Ebene der Märchen- bzw. Studiosituation auf den Boden der ehelich-künstlerischen Realitäten. Wann das jeweils ist und warum und wann eher nicht, bleibt leider ziemlich beliebig. Und wo Hofmannsthal sich goldene Wasserfälle und Brücken wünscht, zum glücklichen Ende zu, wenn alle wieder sind, wo sie hingehören, spielen sie in Salzburg Weihnachten: mit einem Konzert unterm Tannenbaum und einer halb verrückt, halb sybillinisch lächelnden Kaiserin. Frohes Fest.

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