Kultur : Streichereinheiten

Am Sonntag feiern die Berliner Philharmoniker ihren 125. Geburtstag: die Bücher zum Fest

Frederik Hanssen

Irgendwie ist das ja sympathisch. Die Berliner Philharmoniker werden 125 Jahre alt – und wollen partout kein Kapital aus ihrem Jubiläum schlagen. In einer Mediengesellschaft, wo jeder halbwegs runde Geburtstag verkaufsfördernd zum Event aufgeplustert wird, beharrt das Weltorchester darauf, Substanz zu zeigen. Nach dem Konzert ist vor dem Konzert.

Sich seit über einem Jahrhundert an der Spitze des Klassikmarkts gehalten zu haben, ist noch kein Verdienst; was zählt, ist das klingende Ergebnis am Abend. Da berührt sich das 21. Jahrhundert mit besten preußischen Tugenden. So hart Simon Rattle und seine Philharmoniker mit Education-Programmen, Tagen der offenen Tür, Schulorchestertreffen, Kartenkontingenten für Jugendliche oder kostenlosen Lunchkonzerten daran arbeiten, nicht als Elitetruppe für die upper class wahrgenommen zu werden, so unbedingt verweigern sie sich dem Trend zur TV-kompatiblen Massenklassik. Kultur für alle: Ja, bitte. Was aber die Ernsthaftigkeit des Kunstmachens betrifft, möchte das Orchester keine Kompromisse machen.

Daher beschenken die Berliner Philharmoniker sich und ihr Publikum zum einen am Sonntag mit einem großen Orchesterfest bei freiem Eintritt, und zum anderen mit einem zweibändigen Überblick über die Orchestergeschichte, 800 Seiten feinsten Papiers, reich bebildert, prachtvoll in Leinen gebunden, dargeboten im Schuber. Wer die in hölzernem Kanzleideutsch verfassten Vorworte passiert hat, liest sich schnell fest. Denn die Entwicklung dieser einmaligen Musikertruppe vom basisdemokratischen Revoluzzerhaufen zum weltweit gefeierten Wunderklangkörper wird lebendig geschildert, liebevoll, aber nie hagiografisch. Zwölf Autoren haben die Texte verfasst, wobei die einleitenden Kapitel von Volker Tarnow besonders geglückt sind, weil der Musikjournalist ein Panorama der deutschen Gründerzeit aufzureißen versteht, in deren euphorischen Strudeln auch ein wagemutiges Wirtschaftsunternehmen wie das Berliner Philharmonische Orchester bestehen konnte, zunächst als Nussschale im wilden Wellengang, immer wieder vom finanziellen Untergang bedroht, – und schließlich als Flaggschiff der Kulturnation.

Suchtpotenzial für Kenner und Liebhaber birgt der zweite Band, der neben Kurzbiografien aller Orchestermitglieder seit der Gründung 1882 auch eine Auflistung sämtlicher Auftritte der letzten 25 Jahre in Berlin wie auf Reisen enthält. Wer dunkel in Erinnerung hatte, den späten Karajan einmal mit Arthur Honeggers rarer dritter Sinfonie gehört zu haben, kann hier fündig werden (es war im Dezember 1984) – und entdeckt nebenbei auch, wie neugierig die Berliner stets waren, wenn es darum ging, Dirigententalente auszuprobieren. Enttäuschungen eingeschlossen. Allein in der Saison 83/84 traten vier junge Herren vor die Musiker, von denen man später nicht mehr viel hörte: Yoram David, Richard Dufallo, Alexander Rahbari und Yoav Talmi.

Angesichts dieser in jeder Hinsicht preis-werten hauseigenen Jubiläumspublikation (Henschel-Verlag) stellt der ebenfalls knapp 40 Euro teure Philharmoniker-Bildband der Edition Braus keine Alternative dar – zumal die im Druck recht grobkörnig geratenen Schnappschüsse von Dieter Blum vor allem eines deutlich machen: Dass es genauso schwer ist, das flüchtige Medium Musik aufs Negativ zu bannen wie es in Worte zu fassen. Wer das repräsentative Coffeetable-Book in die Hände bekommt, sollte aber auf jeden Fall Emanuel Eckhardts kurzweiligen Schnelldurchlauf durch die Orchestergeschichte lesen.

Die einfachste Art, ein Ensemble zu porträtieren, ist die Identifikation über seine Chefdirigenten. Diesen Weg wählt Herbert Haffner in seinem bei Schott erschienenen Geburtstagsbuch. Der Untertitel „Eine Biografie“ ist irreführend, denn gerade bei den Philharmonikern gilt: Wenn die Musiker nicht gedanklich bei ihm sind, bleibt der beste Maestro blass. „Stellen Sie Karajan einmal vor das Feuerwehrorchester von Kleinkleckersdorf“, hat der scharfzüngige Geiger Hellmut Stern einmal formuliert, „Was bleibt dann noch von seiner Magie?“

Wer sich schnell über die sechs musikalischen Leiter Hans von Bülow, Arthur Nikisch, Wilhelm Furtwängler, Herbert von Karajan, Claudio Abbado und Simon Rattle informieren will – mehr waren es in 125 Jahren tatsächlich nicht! – wird hier gut bedient. Richtig nahe kommt Haffner dem Orchester aber nur da, wo er vom Zusammenbruch und der sogenannten Stunde null erzählt. Nach dem Konzert vom 16. April verabschieden sich die Zuhörer mit „Bleibt übrig!“, am 26. Mai findet das erste Nachkriegskonzert im Steglitzer Titania-Palast statt, mit handgeschriebenen Eintrittskarten und einem Programm, das verfemte und verbotene Komponisten wie MendelssohnBartholdy und Tschaikowsky mit dem großen Tröster Mozart kombiniert.

Der persönliche Ton, in dem Haffner schreibt, geht Misha Aster vollständig ab. Dennoch ist sein Buch der nachhaltigste Beitrag zum Jubiläum: In „Das Reichsorchester“ (Siedler Verlag) analysiert der kanadische Wissenschaftler erstmals umfassend die Rolle der Philharmoniker im Nationalsozialismus – als eine Beziehung auf Augenhöhe. Die kurz vor dem Konkurs stehende Orchester-GmbH lässt sich 1933 nur allzu gerne vom Staat vereinnahmen, als Vorzeige-Ensemble des Propagandaministeriums profitiert man von Reiseprivilegien und von der Wehrdienstbefreiung. Die vier „nichtarischen“ Mitglieder wurden sanft ins Exil gedrängt. Dennoch wirbt Aster auch um Verständnis für die Zwänge, denen die Musiker im NS-Staat ausgesetzt waren, achtet penibel auf einen sachlichen Tonfall und enthält sich eines moralischen Urteils. Das liefert sein prominenter Vorwort-Schreiber Wolf Lepenies: „Eine aufregende Geschichte? Nur in dem Sinne, dass das Verhalten des weltberühmten Orchesters sich nicht wesentlich vom Verhalten der meisten Deutschen unterschied.“

Angeregt wurde die durchaus schmerzhafte Beschäftigung mit dem bis dato geflissentlich übersehenen Kapitel der eigenen Historie übrigens von einem Philharmoniker, Walter Küssner, der ehrenamtlich das Orchester-Archiv betreut. Was könnte besser den Geist der Philharmoniker widerspiegeln?

Am 5. April 2008 steht übrigens der 100. Geburtstag Herbert von Karajans ins Haus. In der Hoffnung, das in den vergangenen Jahren doch stark lahmende Käuferinteresse in Sachen Karajan anheizen zu können, werfen die diversen Erbschaftsverwalter seine Archivbestände wieder auf den Markt, in zeitgemäßem Design. Auch Witwe Eliette will da nicht hintan- stehen: Sie wird eine CD-Edition mit ihren Lieblingsaufnahmen des maestro assoluto zusammenstellen und bei Ullstein ein Buch mit dem Titel „Mein Leben an seiner Seite“ herausbringen. Andere Jubiläen, andere Festivitäten.

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