Kultur : Streichsüchtig

Der Kinderfilm „Mein Name ist Eugen“

Julius Hess

Lausbuben im Kino sind in schlechter Gesellschaft. Der schlimmste ist geradezu ein Albtraum von Pubertät: Pepe Nietnagel, der Lümmel von der ersten Bank – durchtrieben, aufmüpfig, unerträglich. Ein Rebell ist er dennoch nicht. Gegen die spießige Gesellschaft der Nach-Wirtschaftwunderzeit hält er es nur mit Impertinenz. Sie richtet sich gegen Lehrer und Polizisten. Die patriarchale Autorität aber wird nicht angetastet. In der Lausbubengeschichte muss dem Streich die Tracht Prügel folgen wie im Mafiaepos dem Aufstieg der Fall.

Michaels Steiners Verfilmung des Kinderbuchs „Mein Name ist Eugen“ beginnt mit einer Ohrfeige. Klaus Schädelins Erzählung ist ein Schweizer Jugendbuch- Klassiker. Die väterliche Ohrfeige eröffnet einen rasanten Trip durch Eugens Kosmos und den seiner Freunde Wrigley, Bäschteli und Eduard. Bern in den Sechzigern, drei Streiche in den ersten 15 Filmminuten, schnell geschnitten und dazu ein Brimborium von Spezialeffekten. Neben überkandidelten Zeitrafferszenen steht auch gelungene absurde Komik. Die vier Freunde stehlen eine Ritterrüstung, in die Wrigley zwar hinein-, aus der er aber nicht wieder rauskommt, sie setzen ein Haus unter Wasser und hängen schließlich alle an einer Regenrinne.

Den Streichen folgen drakonische Strafen: Sommer-Pfadfinderlager gestrichen, Wrigley muss ins Internat. Die Kinder entziehen sich jedoch der Autorität und fliehen. Der Film wird zum Roadmovie, und Steiner nimmt die Regeln des Genres ernst. Die Odyssee durch die sommerliche Schweiz führt die Freundschaft und den Durchhaltewillen der von Polizei und Eltern gejagten Clique an ihre Grenzen und endet in einem surrealen und vieldeutigen Finale. Vor allem in den Szenen, in denen die Helden wie die Zuschauer Atem holen, findet die Inszenierung zu bestechender Eleganz.

Ganz anders wirkt der hysterische Slapstick der Eltern. Ein proletarisches Ehepaar, ein bäuerliches, ein kleinbürgerliches und ein industrielles: Die Eltern sind bewusst als Stereotypen angelegt. Komik entwickelt sich daraus nicht. Steiner skizziert eine öde, erstarrte und autoritäre Gesellschaft; die Kinder darin müssen, ganz auf sich gestellt, ihren Weg finden. Sie stehen Astrid Lindgrens Lausbuben Michel aus Lönneberga, der seinen Arrest im Holzschuppen zum Schnitzen nutzt, näher als dem Scheinrebellen Pepe Nietnagel.

In neun Berliner Kinos.

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