Kultur : Streifzug im Selbstbedienungsladen

Wie man die Pop-Vergangenheit wieder flottmacht, zeigt die New Yorker Band Scissor Sisters mit ihrem neuen Album „Ta-Dah“

Jörg W,er

Uncool ist das neue Cool. Dieser Gedanke drängt sich jedenfalls auf, wenn man „Ta-Dah“ hört, das zweite Album der Scissor Sisters. Noch dreister als vor zwei Jahren auf ihrem Debütalbum plündert sich das Quintett aus New York durch genau die Machwerke der Popgeschichte, die in der eigenen Plattensammlung lieber nicht vorkommen. Allein die vorab ausgekoppelte Single „I Don’t Feel Like Dancin’“ ist eine ebenso geniale wie unverschämte Melange aus Rod Stewarts „Do Ya Think I’m Sexy“ (von dem sie die Melodie geklaut haben) und Leo Sayers „You Make Me Feel Like Dancing“ (dessen Mickymaus-auf-Helium-Gekreisch sie inspiriert haben mag), zwei der abgeschmacktesten Disco-Songs der Siebziger. Dagegen stinkt Madonna ab, die hat auf ihrem Dancefloor-Hit „Hung Up“ schließlich nur „Gimme Gimme Gimme“ von Abba gesampelt.

Die Popgeschichte als Selbstbedienungsladen, die Scissor Sisters kennen keine Skrupel: „She’s My Man“ klingt verdächtig nach „I’m Still Standing“ von Elton John, der aber nichts gegen die Ehrerbietung junger Emporkömmlinge einzuwenden hat. Die „Queen Mum of Pop“ („Mojo Magazine“) adelt mehrere Titel mit dezentem Pianogeklimper und tritt auf „I Don’t Feel Like Dancin’“ und der Vaudeville-Burleske „Intermission“ als Co-Autor in Erscheinung. „I Can’t Decide“ überrascht mit Ragtime-Piano, Banjogeplucker und Maultrommelgeschnurre. Das blasierte „Ooh“ streift den Basslauf von Queens „Another One Bites The Dust“. „Kiss You Off“ püriert synthetische „Knock On Wood“-Drums und flächige Foreigner-Gitarren zu einer von Madonna-Produzent Stuart Price veredelten Dancefloor-Hymne. Und über allem schwebt Jake Shears klare Stimme, oft als glockenhelles Falsett. Neben hedonistischen Discosounds buddeln die Scissor Sisters bei ihrer Grabräuberei auch in Coolness-Zirkeln strikt verbotene Relikte wie Powerballaden („Land Of A Thousand Words“) und angeberische Softrock-Gitarren- und Saxofonsoli („The Other Side“) aus. Warum?

Als die fünf New Yorker Anfang 2004, ausgestattet mit unhippem Achtziger-Retro-Trash-Outfit und lachhaften Pseudonymen die Szene betraten – neben Jake Shears gehören Ana Matronic, Del Marquis, Baby Daddy und Paddy Boom dazu –, hielt sich die Aufregung noch in Grenzen angesichts eines unbetitelten und in Eigenregie produzierten Debütalbums. Die Platte verkaufte sich vor allem in den Metropolen der Ost- und Westküste ordentlich. An mehr war in den USA nicht zu denken, dafür sorgten schon die expliziten Texte, die kein Radiosender auszustrahlen wagte.

Ihre Verwurzelung in der Schwulen- szene New Yorks – Jake Shears arbeitete früher als Striptänzer, Ana Matronic organisierte Transvestitenshows – prädestinierte die Scissor Sisters als Nachfolger von Popgruppen wie Village People oder Frankie Goes To Hollywood. Dabei besteht die Band aus drei homosexuellen Männern, einem Hetero und einer Frau. Mit Songs wie dem lasziven „Laura“, dem obszön pumpenden „Filthy/Gorgeous“ und dem Coming-Out-Dramolett „Take Your Mama“ gelang ihnen in Großbritannien der Durchbruch. Ihr größter Geistesblitz war allerdings eine Coverversion, für die sie sich eine der uncoolsten Platten aller Zeiten als Vorlage ausgesucht hatten: Pink Floyds Endzeitballade „Comfortably Numb“ in einen euphorischen Gay-Discokracher mit Bee-Gees- Fistelgesang zu verwandeln, war einer der tollsten Husarenstreiche der letzten Jahre. Der Rest ist Popgeschichte: Ihr Album verkaufte sich sagenhafte drei Millionen Mal im Vereinigten Königreich, mehr als jedes andere seit Oasis’ „What’s The Story (Morning Glory)“.

Die Chancen stehen nicht schlecht, dass die Scissor Sisters den Erfolg ihres Debüts mit „Ta-Dah“ sogar noch übertreffen. Auch wenn sie in Großbritannien hinter den früheren Verkaufszahlen zurückbleiben dürften, wartet der Rest der Welt. „Ta-Dah“ ist die zeitgenössisch aufpolierte Rehabilitierung musikalischer Todsünden der Siebziger und Achtziger. Wobei sich die Scissor Sisters nicht in die naheliegende Ausrede einer ironischen Herangehensweise flüchten. Ihre Huldigung ist aufrichtig gemeint. Darin ähneln sie ihren britischen Kollegen von The Darkness, die das gleiche im Fach des theatralischen Spandexhosen-Metal unternahmen. Die Scissor Sisters schaffen es, dass man die alten Schlock-Pop-Kamellen von Kiss, Electric Light Orchestra, Bee Gees und anderen mal wieder neugierig aus dem Regal zieht. Nur, dass ihre postmodernen Erben doch um einiges flotter klingen.

Scissor Sisters „Ta-Dah“ ist am 15. September bei Polydor/Universal erschienen.

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