Streik und Klassiker in Avignon : Auch der Prinz probt den Ausstand

In Avignon hat das Sommerfestival mit einem „Homburg“ begonnen – und den Aktionen der Bühnenarbeiter.

Eberhard Spreng
Irgendwie geht es doch weiter. Proteste am Papstpalast von Avignon zum Auftakt. Inzwischen sind die ersten Stücke des Festivals über die Bühne gegangen.
Irgendwie geht es doch weiter. Proteste am Papstpalast von Avignon zum Auftakt. Inzwischen sind die ersten Stücke des Festivals...Foto: AFP

Für Musiker sehen die Götter Schonung vor. Genau zwischen einen Regenschauer und ein heftiges Gewitter passte die pulsende, vibrierende Interpretation von Musikern aus Kinshasa, die unter der künstlerischen Leitung von Alain Platel in dem Innenhof eines katholischen Gymnasiums Barockmusik intonieren mit ihren Instrumenten, überlagert von Rhythmen des Soukous und anderer populärer Musik des Kongo. Sie begleiten den Countertenor Serge Kakudji; das Ergebnis ist ein Konzert mit ungeheurer Sogwirkung, nord-südlicher Voodoo mit dem Titel „Coup Fatal“, der unter Gewitterblitzen endete und vor dem Beginn des Regens.

Das Festival d’Avignon muss in seinen ersten Tagen auch mit Widrigkeiten ganz anderer Natur zurechtkommen. Der Eröffnungstag fiel wegen des Streiks der Intermittents ins Wasser, die sich gegen eine Reform ihrer berufsspezifischen Arbeitslosenmodells wehren. Vor elf Jahren hatte der schon lange schwelende Konflikt schon einmal zum Totalausfall der Theaterschau geführt; in diesem Jahr suchen Festivalleitung und Bühnenbeschäftigte nach einem fairen Kompromiss, und der heißt auch: Aufklärung des Publikums.

So steht denn Regisseur Giorgio Barberio Corsetti inmitten seiner Schauspieler und Theatertechniker auf der gewaltigen Bühne des Papstpalastes. Jeder von ihnen spricht ein kurzes Statement, der Regisseur beschließt das dreiminütige Vorspiel mit den folgenschweren Worten „Wir sind Handwerker. Unser Werkstoff ist das Unsichtbare.“ Es sind dies Worte, die auch wie geschaffen erscheinen, um nicht nur Politiker zu ermahnen, sondern auch die Geschichte eines Traumwandlers anzukündigen, der sich im Dickicht von Vision und Wirklichkeit verstrickt hat. Mit Kleists „Prinz von Homburg“ beginnt eine neue Ära des Festivals unter der Leitung von Olivier Py der auch schon an der Berliner Volksbühne gearbeitet hat („Die Sonne“). Der ehemaliger Leiter des Pariser Odéon-Theaters hat sicher nicht zufällig ein Stück für den Papstpalast programmiert, das in der Ära seines großen Vorbilds Jean Vilar, 1951, einen hochpolitischen Meilenstein setzte: Befehlsverweigerung in einer deutschen Armee.

Fünf nackte Männerkörper winden sich aus Öffnungen im Bühnenboden, finden sich zu einem Gruppenbild zusammen, kleiden dann einen von ihnen an. Es ist der somnambule Prinz, der in Corsettis bilderstarker Inszenierung ins Verwirrspiel von Eros, Narzissmus, Soldatenehre, Ruhmesgier und Befehlstreue gerät. 63 Jahre nach Gérard Philippe spielt Xavier Gallais die Titelfigur als einen robusten Prinzen, dessen Wirklichkeitsverlust einer übertriebenen Naivität zu entspringen scheint. Mit unsicherem Lächeln blickt er um sich, wenn seine Unaufmerksamkeit bei der Befehlsausgabe plötzlich auffällt. Und dann schielt er wieder zurück zur angebeteten Nathalie von Oranien, die mit in einem herbeigerollten Bühnenportal aufgetreten ist.

Große Freitreppen führten sie aus dem ersten Stock des gewaltigen mittelalterlichen Bauwerks auf die große Spielfläche herab. Klug teilt der Regisseur den für Theater an sich notorisch überdimensionierten Freilichtspielraum mit fahrbaren Podesten und nutzt die Weite der hoch aufragenden Fassade nur für die Projektion des Imaginären. Einige berauschende Bilder entwirft der italienische Künstler dabei. In der bestehenden Architektur entfaltet sich in einer verblüffenden Projektion eine zweite, quasi variierende Fassadengliederung. Zuvor sah man die animierten Zeichnungen eines Rosses in vollem Galopp, aufblühende Blitze der Granatenexplosionen, optisch wunderschöne Visionen auf dem ewigen Stein des mittelalterlichen Baus. Diese steinerne, unverrückbare Materie in Schwebung versetzt zu haben, die Welt, wie sie ist, für Momente im Traumbild aufzulösen, gehört zu den schönsten Leistungen an diesem Abend.

Das Theater im Theater, die Architektur in der Architektur, das Trugbild Wirklichkeit, alles, was Corsetti hier aufbietet, hat irgendwie mit Kleist und dem Prinzen vom Homburg zu tun, trifft aber letztlich nicht seinen poetologischen Kern. Am Ende, wenn der träumende Prinz, zum Tode verurteilt, Einsicht in sein Fehlverhalten gezeigt und sich dem Kurfürst ergeben zu Füßen gelegt hat, binden ihn die Kumpanen vom Anfang in das fahrbare Bühnenportal an einige Seile und bewegen ihn wie eine Marionette. Grotesk grinst diese Puppe zu den mechanischen Säbelhieben, mit denen sie in der Luft herumfuchtelt. Natürlich denkt man hier auch an Kleists berühmten Aufsatz über das Marionettentheater, was dieses aber am Ende des Prinzen von Homburg zu suchen hat, mag Corsettis Rätsel bleiben. Der Prinz als Mercenario, nun unbedingt befehlsgehorsam und grinsend beim Töten? Das wäre eine Karikatur der Figur, die in Kleists rätselhaftem Traumstück mit seiner Persönlichkeitsentwicklung die Utopie auf die Erde holt.

Nun hat das Festival also doch angefangen und an seinem zweiten Abend in politisch schweren Zeiten überraschend reibungslos in seine gewohnte Routine zurückgefunden.

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