Streit um Berliner Volksbühne : Wowereit hätte im Fall Dercon anders entschieden

Berlins ehemaliger Bürgermeister Klaus Wowereit hätte Chris Dercon nicht als neuen Chef der Volksbühne berufen. Er fürchtet, dass sich das Theater zum "Eventhaus" entwickelt.

Berlins einstiger Bürgermeister Klaus Wowereit freut sich nicht auf Chris Dercons Volksbühne.
Berlins einstiger Bürgermeister Klaus Wowereit freut sich nicht auf Chris Dercons Volksbühne.Foto: Thilo Rückeis TSP

Berlins früherer Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hat die Entscheidung seines Nachfolgers Michael Müller, den Kulturmanager Chris Dercon an die Volksbühne zu holen, kritisiert. "Die Volksbühne zu einem Eventhaus zu machen, finde ich hochproblematisch und auch einfallslos. Denn davon gibt es ja in Berlin schon genug", sagte er der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (Dienstag). Die Vorstellung, mit der Berufung von Chris Dercon aus dem Haus etwas ganz anderes zu machen, finde er nicht gut. "Die Entscheidung, die mein Nachfolger zusammen mit der ständigen Kulturverwaltung getroffen hat, wird kontrovers diskutiert. Ich hätte eine andere Entscheidung getroffen", sagte Wowereit, der als Regierender auch Kultursenator war.

Der Belgier Dercon soll im August die Nachfolge von Frank Castorf antreten, der die Volksbühne 24 Jahre lang geführt hat. Gegen die Berufung gab es am Theater selbst und in der Kulturszene großen Widerstand. Die Belegschaft sah sich im vergangenen Jahr sogar dazu veranlasst, in einem offenen Brief zu klagen. An die Parteien des Berliner Abgeordnetenhauses gerichtet hieß es darin: "Eine konzeptionelle Linie der künstlerische-strukturellen Weiterentwicklung unseres Theaters ist in den Ausführungen Chris Dercons und seiner Programmdirektorin Marietta Piekenbrock nicht zu erkennen." Die Mitarbeiter fürchteten den "Ausverkauf der für uns geltenden künstlerischen Maßstäbe und die zu erwartende Schwächung unseres potenten Schauspieltheaterbetriebs." Viele fürchteten, dass das traditionelle Sprechtheater Dercon nicht mehr interessiere und künftig durch große, medienwirksame Spektakel ersetzt werde.

Auch Wowereit scheint sich um diese Entwicklung zu sorgen. Wobei ihm die Schwierigkeit von Nachfolgerdiskussionen durchaus bekannt ist. "Wie man eine Nachfolge grundsätzlich regelt - dafür gibt es kein Patentrezept." Man müsse auch Glück haben und es müssten die richtigen Personen auf dem Markt zur Verfügung stehen. Grundsätzlich, formuliert Wowereit, solle Theater sich einmischen und auch Stücke auf die Bühne bringen, "in denen unsere gesellschaftlichen Konflikte - beispielsweise bei Integrationsfragen, Migration oder anderen Themen wie NSU und AfD - verarbeitet werden." Ob er Dercon solche Qualitäten zutraut, sagte Wowereit nicht. (tsp,dpa)

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