Kultur : Streit um den Bauhaus-Hocker: Platzhalter

Nicola Kuhn

Harmlos schaut er aus, mit seinen zwei Stahlrohren und einer Holzplatte. Und doch ist Marcel Breuers Bauhaus-Hocker Gegenstand eines heftigen Rechtsstreits geworden. Denn das Design bestimmt das Sein ganzer Möbelhersteller, und die konnten sich nicht einigen, wer nun die Produktionsrechte an dem ebenso schlichten wie lukrativen Objekt besitzt, das seit Bauhaus-Tagen vom einfachen Schulmöbel zum Fetisch des gehobenen Haushalts avancierte. Das Düsseldorfer Landgericht hat nun ein erstes Machtwort gesprochen in der Auseinandersetzung zwischen dem im westdeutschen Lauendorf ansässigen Unternehmen tecta, das sich bisher im Exklusivbesitz der nötigen Rechte wähnte, und der seit Januar unter dem neuen Label "bauhausdessau" kess nachproduzierenden Stendaler Firma "L. & C.". Die tecta-Klage gegen den neuen Konkurrenten wurde nun vorerst abgewiesen, denn ihr mit der Breuer-Witwe geschlossener Vertrag und die vom Berliner Bauhaus-Archiv vergebene Lizenz reichten den Düsseldorfer Richtern nicht, um ihrem Alleinanspruch stattzugeben.

Die Dinge sind seit dem Mauerfall ins Rutschen geraten. Auch in den neuen Bundesländern, zumal in Dessau, will man am Geschäft mit dem Bauhaus-Flair partizipieren. Die vom dortigen Designzentrum Sachsen-Anhalt initiierte Suche nach möglicherweise nachproduzierbaren Entwürfen im Berliner Bauhaus-Archiv sorgte schon zuvor für einen Eklat, als die entsandten Rechercheure in der Hauptstadt des Hauses verwiesen wurden. Auf der einen Seite also die Etikettenschwindler (Ost), auf der anderen die Erbschleicher (West)? Oder umgekehrt gar? Ja, wenn die Sache nur so einfach wäre, so geradlinig und klar wie ein Bauhaus-Hocker. Doch die Rechtslage ähnelt eher dem Augenflimmern bereitenden Sessel-Design eines Ettore Sottsass.

Mit der ursprünglichen Bauhaus-Idee verträgt sich dies alles ohnehin nicht mehr. Wohnkultur für alle, hatte es am Anfang geheißen. Doch schon die nicht nur in ihrer Strenge, sondern auch mit ihren Preisen exquisiten Sitzmöbel etwa eines Mies van der Rohe fanden nicht die einstmals gedachte allgemeine Verbreitung. Vorerst darf der Stendaler Fabrikant den Breuer-Hocker fröhlich weiterproduzieren und damit durchaus eigennützig an den Demokratiegedanken des Bauhauses anknüpfen. Zumindest so lange, bis die Lauendorfer Konkurrenz, die in die Revision gehen will, ihr Exklusivrecht zurückerobert hat.

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