Streit um die Gemäldegalerie : „Kunst zieht immer wieder um“

Warum die Gemäldegalerie ein Provisorium ist – und bleibt: Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp über den Streit um Berlins Staatliche Museen und den Konservatismus der Umzugskritiker.

Moderne Präsentationsform? Im Bodemuseum sind Skulpturen - wie hier der Kopf Johannes des Täufers - im gleichen Saal zu sehen wie Gemälde.
Moderne Präsentationsform? Im Bodemuseum sind Skulpturen - wie hier der Kopf Johannes des Täufers - im gleichen Saal zu sehen wie...Foto: dpa

Herr Bredekamp, deutsche wie internationale Kunsthistoriker appellieren in Offenen Briefen gegen den geplanten Umzug der Gemäldegalerie. Sie fürchten, dass ein Großteil der Alten Meister über Jahre im Depot verschwindet. Warum haben Sie keine der beiden Petitionen unterzeichnet?

Selbstverständlich unterstreiche ich die Gründe, die für die weitere Sichtbarkeit der Gemäldegalerie sprechen. Dennoch habe ich nicht unterschrieben, weil die Aufrufe massiv für den Verbleib der Gemäldegalerie auf dem Kulturforum genutzt werden. Ich bin aber seit jeher der Überzeugung, dass deren Rückführung zur Museumsinsel realisiert werden sollte. Der Plan zum Bau der Gemäldegalerie und für das Kulturforum war ein Produkt des Kalten Krieges; das Brachland im weiten Umfeld des Reichstags sollte belebt werden. Dann fiel die Mauer. Aber man hielt an den alten Ideen fest, obwohl der Prozess der Wiedervereinigung danach rief, die Museumsinsel und die Gemäldegalerie, also Ost und West wieder zusammenzubringen und die Bilder wieder dort zu zeigen, wo sie einmal waren.

Auch damals gab es Proteste.

Fast die gesamte Kunsthistorikerschaft ist um 1990 Sturm gelaufen. Damals protestierten übrigens teils dieselben, die heute den Verbleib der Gemäldegalerie auf dem Kulturforum fordern. Es ging darum, dass die Gemäldegalerie selbstverständlich in die Gemeinschaft der Kunstwerke der Welt zurückkommen müsse. Noch der Masterplan von Peter-Klaus Schuster, wie er 2000 veröffentlicht wurde, besagte unmissverständlich: Die Gemäldegalerie bleibt ein Provisorium, weil die Lücke, die durch das Fehlen der Gemälde auf der Museumsinsel gerissen ist, eines Tages geschlossen werden muss.

Warum schlägt den Museumschefs beim ersten Schritt Richtung Museumsinsel jetzt ein so scharfer Wind entgegen?

Die aktuelle Diskussion wurde höchst ungeschickt eingefädelt. Weil seitens des Bundes in einem kommunikativen Gau bekannt gegeben wurde, dass es zehn Millionen Euro für die Umrüstung der Gemäldegalerie gäbe, um eine Privatsammlung unterzubringen, ist die Diskussion vergiftet. Die Öffentlichkeit musste den Eindruck gewinnen, dass hier ein Plan aus dem Hut gezaubert wird, um das Versprechen für die Präsentation der Sammlungs-Schenkung einlösen zu können. Die Aufnahme der Sammlung Pietzsch ist aber ein zusätzlicher Mosaikstein in einem riesigen, großartigen Gesamtkonzept. Dieser Irrtum sollte baldmöglichst bereinigt werden.

Was sollte denn jetzt geschehen?

Die Vorlage eines überzeugenden Konzepts, unter welchen Zeitvorgaben ein architektonisches Modell, wie es etwa Heinz Tesar 2000 vorgegeben hat, umgesetzt werden kann. Undenkbar, dass große Bereiche der Gemäldegalerie nach ihrer Vergesellschaftung mit dem Bode-Museum nur in ihren Spitzenwerken und nicht etwa auch in ihrer Tiefe und Breite gezeigt würden. Jetzt könnte sich die Gelegenheit ergeben, Nägel mit Köpfen zu machen.

Die Idee Wilhelm von Bodes soll wiederbelebt werden, der vor gut 100 Jahren im damaligen Kaiser-Friedrich-Museum Gemälde, Skulpturen und Kunstgewerbe zeigte. Die Kritiker sagen, diese Mischpräsentation ist nicht mehr zeitgemäß. Was denken Sie?

Sie sprechen ein Dilemma an. Ich habe mein Volontariat am Frankfurter Liebieghaus verbracht, einem reinen Skulpturenmuseum. Mit den Skulpturen gleichsam erwachsen werdend, war ich dort glücklich wie selten in meinem Berufsleben. Auch das Bode-Museum liebe ich wie meine Wohnung. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich dort nicht kurz einkehre, auf dem Weg zur oder von der Universität. Ich bin deshalb hin- und hergerissen, wenn ich sehe, wie sich das Bode-Museum seit seiner Wiedereröffnung 2006 verändert hat.

Dort hängen schon jetzt 150 Gemälde zwischen den Skulpturen.

Trotz meiner Erfahrung: Grundsätzlich war von Bodes Idee richtig. Sie muss natürlich für alle Schulen gelten, und nicht etwa nur die italienische Kunst.

Was wünscht sich ein Kunsthistoriker mehr, ein volles oder ein leeres Museum? Ein Haus, in dem sich die Besucher drängeln, oder Raum für die Aura der Werke?

Sie sprechen erneut ein Dilemma an. Gemessen am Verhältnis von Quantität und Qualität ist die jetzige Gemäldegalerie ein Idealmuseum, die vielleicht beste Gemäldegalerie überhaupt. Großartig, wie man sich hier in tiefer Kontemplation vor die Werke begeben kann. Auf der anderen Seite ist das Haus ein Ufo geblieben, das versehentlich auf dem Kulturforum gelandet ist. Seit seiner Eröffnung 1998 ist es nicht gelungen, es so ins öffentliche Bewusstsein zu rücken, wie es seinem Rang entspricht. Ein Nebeneffekt des jetzigen vorausfühlenden Trennungsschmerzes ist immerhin, dass die Sensibilität für diesen hohen Rang jetzt endlich da ist.

Vielleicht trägt er ja dazu bei, dass konkrete Zeit- und Finanzierungspläne für das Gesamtziel folgen. Wobei man skeptisch sein muss, nach diesem verunglückten Start.

Einspruch: Die Museumspolitik der Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat viele Jahre in einer Weise mit Mut und visionärem Zug Urbanistik betrieben, die ihresgleichen sucht. Dass Berlin heute so attraktiv ist, verdankt die Stadt nicht zuletzt diesem Mut.

Sie meinen die Sanierungen auf der Museumsinsel und die Schloss-Pläne mit dem Humboldt-Forum?

Ich meine auch die vielen kleinen Schritte, die alle mit großer Skepsis begleitet wurden: Die Einrichtung des Foto-Museums, den Erwerb der Mode-Sammlung Richter, die Lösung für die Flick-Collection etc. Im Konfliktfall hat die Stiftung immer gesagt: Wir springen. Es befremdet mich immer wieder, dass die Öffentlichkeit das zum Teil nicht honoriert.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Es gibt einen Hang zum Präsentismus, das heißt, zum Beharren auf dem Status quo, der zutiefst konservativ ist. Es ist doch absurd: die einst am Kulturforum verurteilte Gemäldegalerie wird jetzt verteidigt, nur weil sie aus den historischen Umständen von vor 1989 heraus realisiert wurde.

Erleben Sie das als einer der Miterfinder des Humboldt-Forums auch bei der Schloss-Diskussion?

Wann immer ein visionäres Konzept wie das Humboldt-Forum formuliert wird, wird es verkleinert. Nehmen Sie den alternativen Vorschlag, die Gemäldegalerie in das Schloss zu bringen, weil Exotika dort nichts zu suchen hätten. Abwegiger kann kaum argumentiert werden. Überall wird der vorgebliche Eurozentrismus gegeißelt, aber das Schloss soll als dessen Gralshüter auftreten, obwohl die Ethnologica ursprünglich dort gesammelt waren, und zwar vornehmlich aus Interesse und nicht aus kolonialer Unterdrückung. Im Schloss war ein Ensemble versammelt, eine riesige Kunstkammer: als Einzelabteilung und im Ganzen. Sie vereinigte alle Sparten in sich, die heute in Spezialmuseen isoliert sind. Der Vorschlag, die Gemäldegalerie dort unterzubringen, wäre eine Rückprojektion des Spartenmuseums an einen Ort, der einmal die Vision eines umfassenden Laboratoriums beherbergte, ein Modell, das ich so unermüdlich wie bisweilen entnervt zu propagieren versuche. Auch die Humboldt-Forum-Debatte ist eine teils absurde Diskussion, die aus tiefem Konservatismus gegen die Geschichte argumentiert.

Sie plädieren also auch hier für Mischpräsentation?

Als Gedankenprinzip möchte ich die Mischpräsentation hier wie dort in jedem Fall reklamieren. Aber es kann sein, dass für bestimmte Bereiche eine minimalistische, konzentrierte, ambientefreie Präsentation besser ist. Man sieht das etwa in der Afrika-Ausstellung in Dahlem. Die Werke erstrahlen dort in ihrer autonomen Brillanz. Das Konzept des ambientalen Zusammenführens erstreckt sich bei der Museumsinsel auf das gesamte Areal. Die Größe der Idee, die außereuropäischen Sammlungen im Humboldt-Forum in die Nachbarschaft der Museumsinsel zu bringen, diese atemberaubende Fülle hat nachgerade weltgeschichtliche Bedeutung. Die drei Partner, Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Humboldt-Universität und Landesbibliothek haben nicht vorhersehen können, in wie kleine Karos das herunterargumentiert werden kann.

Publizistisch sind Sie geschickter als die Museumsleute. Wir sprechen über die Gemäldegalerie und Sie werben für das Humboldt-Forum, Ihre Herzensangelegenheit.

Sie haben die Rede darauf gebracht!

Grundsätzlich gefragt: Wie verändert sich die Kunst, wenn Sie den Ort wechselt?

Jeder Kustode wird darauf geschult, die beste Präsentation durch Versuchsreihen zu testen, bis hin zur Wandfarbe. Gleichzeitig verändern die Werke auch die Räume, bildaktiv. Im Bode-Museum mutieren die Werke fast jeden Monat, das Haus befindet sich in einer andauernden Metamorphose. Auch bei der künftigen Vereinigung mit der Gemäldegalerie ist die Intelligenz, Erfahrung und Sensibilität der Kustoden gefragt. Es wäre großartig, wenn man Proberäume einrichten könnte, Aufstellungen vielleicht mit Kopien testet und sowohl die isolierte als auch die Mischpräsentation öffentlich diskutiert. Die gesamte Museumsgeschichte zeigt: Kunst zieht immer wieder um.

Gerade in Berlin.

Hier waren die in fast jeder Generation neu wandernden Museen seit der Schenkung großer Teile der Kunstkammer an die Universität die Avantgarde der Stadtplanung. Dies hat den Charakter Berlins maßgeblich mitbestimmt. Ein neuer Schritt zeichnet sich heute ab, nicht mehr und nicht weniger. Die Frage ist, wer sich durchsetzt: die Präsentisten oder die Avantgardisten.

Das Gespräch führte Christiane Peitz.

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