Kultur : Streit um Fischer: Zehn kleine Jägerlein

Richard Herzinger

Das Fischer-Bashing ist nicht erst seit Anfang dieses Jahres in Mode. Bereits im Herbst 1999 warf Rudolf Augstein dem grünen Außenminister in einer ganzen Serie von "Spiegel"-Leitartikeln unter anderem vor, er sei ein "Hasardeur", der "den Nationalstaat abschaffen" und Deutschland unter dem Vorwand der Bündnistreue den Interessen der USA ausliefern wolle.

Mit ähnlicher Heftigkeit, aber anderer Stoßrichtung argwöhnten damals konservative Kritiker, Fischers Eintreten für universale Menschenrechte und supranationale Institutionen stellten eine verkappte Neuauflage seiner früheren internationalistisch-weltrevolutionären Bestrebungen dar. Von links außen her ist Fischer spätestens seit dem Kosovo-Krieg zur bevorzugten Zielscheibe politischer und persönlicher Angriffe geworden. In diesem Milieu gilt er als der Prototyp eines karrieristischen Verräters an den linken und pazifistischen Idealen. Dass die politischen Moralapostel von der Opposition bei ihrem Versuch, das Ärgernis Joschka Fischer um jeden Preis aus der politischen Welt zu schaffen, mit Radikalen wie Jutta Dittfurth an einem Strang ziehen, die - im Gegensatz zu Fischer - ihre grundsätzliche Gegnerschaft zum demokratischen Staat keineswegs aufgegeben haben, scheint die Pharisäer nicht zu stören. Die Unionsparteien handeln dabei in gewisser Hinsicht sogar gegen ihr eigenes Interesse: Würde der Sturz Fischers doch lediglich ihrem einzigen potenziellen Koalitionspartner FDP den Weg in eine rot-gelbe Regierung erleichtern. Auch Sympathiepunkte in der Bevölkerung bringt die Kampagne der maroden Union nicht ein. Doch Fischer ist eine Reizfigur ersten Ranges: Auf allen Seiten des ideologischen Spektrums provoziert er allergische Abwehreffekte. Dass er ständiger Anlass für derart wuchernde Nagativprojektionen ist, zeigt allerdings: Er steht für eine in der bundesdeutschen Demokratiegeschichte neuartige, für viele offenbar zutiefst verwirrende Möglichkeit politischen Aufstiegs. Er steht für die Erfolgsaussichten einer Haltung, die zu den eingefahrenen Weltanschauungsmustern quer liegt und deren bloßes Vorhandensein die identitätsstiftende Lagermentalität verunsichert. Fischers gleichsam autodidaktischer Politikstil, die Art, wie er seine Positionen auch gegen die Ansprüche der eigenen politischen Klientel bestimmt und durchsetzt und dabei ein für das deutsche Schablonendenken anstößiges Recht auf Inkonsequenz in Anspruch nimmt - es ist nicht zuletzt diese Aura geistiger Unabhängigkeit, die Fischer über die Lagergrenzen hinweg in der Bevölkerung so gut ankommen lässt. Man ahnt dort, dass er der Bahnbrecher für eine offenere, durchlässigere politische Klasse der Zukunft sein könnte. Und spürt, dass ein Erfolg der Fischer-Jäger genau diesen Weg ins Offene wieder versperren würde.

Wenn bei ihm aber heute ein politisches Credo erkennbar ist, so ist es die strikte pro-atlantische Westorientierung, die jetzt dazu führte, dass er der konservativen US-Administration nach dem höchst umstrittenen Irak-Bombardement den Rücken stärkt. So etwas macht ihn bei aufrechten Linken alles andere als beliebt. Es liegt deshalb ein Stück Schizophrenie darin, wenn er von wackeren Kulturkämpfern gegen rechts als Gallionsfigur des lebendigen Erbes von "Achtundsechzig" vereinnahmt wird. Dass die Linke mit ihm nicht recht glücklich werden kann, macht ihn bei der Rechten aber paradoxerweise nur noch suspekter. Da ihm seine Gegner partout keine strafbaren Handlungen vorhalten können, gehen sie jetzt dazu über, ihn wegen früherer Gedankenverbrechen anzuklagen. Dabei kann nichts, was über seine Vergangenheit bisher "enthüllt" wurde, irgendjemanden, der über die Geschichte der radikalen Linken in der Bundesrepublik ein Minimum an Kenntnissen besitzt, wirklich überraschen. Dass Fischer wie alle radikalen jungen Linken der späten sechziger Jahre den Staat Israel für ein reaktionäres Instrument der Weltherrschaftspläne des US-Imperialismus hielt und die PLO zum Leuchtfeuer der Verdammten dieser Erde romantisierte - welche Nachricht!

Wenn der bayerische Ministerpräsident Stoiber dazu erklärt, Fischer dürfe nicht Außenminister bleiben, weil er 1969 bei einer PLO-Konferenz in Algier eine anti-israelische Resolution "mitgetragen" habe, ist das ebenso absurd wie die jüngsten Andeutungen der FAZ, er könnte wegen ideologischer Verfehlungen aus uralten Zeiten gegenüber fremden Mächten erpressbar werden. Vielmehr unterstreichen die alten Fotos nur einmal mehr, wie weit und gründlich Fischer von der Ideologie seiner frühen Jahre abgerückt ist. Kaum ein anderer europäischer Politiker gilt heute als ein so zuverlässiger Freund Israels wie Fischer. Das hat seine Gründe: Wer einmal, unter der Prämisse eines perfiden "Antizionismus", Reden applaudiert hat, in denen der "Endsieg über Israel" proklamiert wurde, wer die fatalen Konsequenzen einer solchen Verirrung später erkennen und sie mit zunehmendem Entsetzen über sich selbst korrigieren musste, ist gegen die Anfechtungen des Antisemitismus besser immunisiert als mancher Schönwetterdemokrat, der die historische deutsche Verpflichtung zur Israelfreundlichkeit nur als unvermeidliche rhetorische Floskel übernimmt.

Der ständig wiederholte Vorwurf, der Delinquent Fischer gebe seine früheren Umtriebe immer nur scheibchenweise zu, stellt die Tatsachen auf den Kopf. In Wahrheit hat keine andere führende Figur der deutschen Linken ihren Ablösungsprozess von alten Dogmen über die Jahre hinweg so fundiert betrieben und dokumentiert wie er. Dabei ist er am Ende immer entschieden weiter gegangen als die allermeisten seiner früheren Kampfgenossen. Während sich mancher Linke bis heute gegen die schonungslose Benennung der Verbrechen des Kommunismus sperrt, weil das die Singularität von Auschwitz in Frage stelle, hat Fischer das antitotalitäre Prinzip unzweideutig akzeptiert. An seiner Bereitschaft zur Selbstkritik könnten sich viele seiner Jäger und Richter ein Beispiel nehmen.

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