Kultur : Streit um Gedenkstätte: Der letzte Schrei

Thomas Lackmann

Wie lang dauern eigentlich die politischen Halbwertzeiten von Mahnmalen und Gedenkstätten im Neuen Berlin? Länger als die Lebenszeit durchschnittlicher TV-Formate?

Jetzt kriegt Berlin den nächsten Mahnmal-Streit. Er geht nicht wie beim Stelenfeld am Brandenburger Tor um einen Bau, der erst errichtet werden soll. Er geht nicht, wie beim gestern vom Senatshauptausschuss verhandelten Etat für die Topographie des Terrors, um Neu-Behausung einer seit Jahren bewährten Gedenkstätte. Der neue Streit geht um einen bestehenden Gedenkort, dies allerdings verbindet ihn mit den Topographie-Querelen. Das sind die Mahnmal-Debatten des neuen Jahrhunderts: Nicht ein Projekt wird torpediert, sondern die vorgefundene Manifestation der Erinnerung.

Eine Arche für das Leben nach dem Tod

Erinnerung? Die Darstellung des Nichts der Vernichtung, so behaupteten viele Debattenbeiträge der letzten Jahre, ist im Grunde eine Unmöglichkeit. "Die geplante Gedenkstätte steht vor der Aufgabe, das Unvorstellbare zu visualisieren und das Unaussprechbare in Worte zu fassen," schrieb der Historiker Reinhard Koselleck 1993 - zur Gestaltung der "Neuen Wache" Unter den Linden. Doch nicht diese nationale "Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft" kollidiert nun mit der Neuberliner Nivellierungs-Walze, sondern (auf der anderen Straßenseite neben der Staatsoper) das im Gedenkjahr 1995 eingeweihte Denkmal zur Bücherverbrennung. Am 10. Mai 1933 hatten SA-Trupps und Studenten auf dem Opernplatz (heute: Bebelplatz) einen Scheiterhaufen für 20 000 Bücher verfemter Autoren errichtet. Zur Erinnerung daran entwarf der Israeli Micha Ullmann eine unterirdische, leere Bibliothek: weiße Regale für 20 000 Bände. Durch eine Glasplatte, die im 1928 verlegten, von Kriegsspuren markierten Pflaster des Platzes eingelassen wurde, sieht der Besucher unter seinem Spiegelbild die erleuchtete Grube der vernichteten Literatur. Heinrich Heines Zitat auf einer Tafel gibt den Kommentar: "Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen." Das Unmögliche, Präsenz der Abwesenheit darzustellen, war dem Minimalisten Micha Ullmann gelungen. Sein Denkmal, das bislang radikalste zum Holocaust-Komplex, beantwortet zudem die Frage, wie überhaupt heutzutage nichtideologische Denkmäler unmonumental realisiert werden können.

Vor einer Woche schrieb Micha Ullmanndem Regierenden Bürgermeister einen Brief: Von einem dem Bezirksamt Mitte vorliegenden Bauantrag, rund um das Denkmal eine Tiefgarage zu bauen, sei er bislang nicht informiert worden; "ich sehe die inhaltlichen Bezüge meiner Arbeit in Frage gestellt und behalte mir vor, die Skulptur zurückzuziehen". Zwar war eine Tiefgaragen-Option war 1993 Teil der Denkmals-Ausschreibung gewesen, doch ein Investor hatte sich nicht gefunden; Ullmanns Architekt Andreas Zerr plädierte damals für Parkplätze unter den Linden. Nun traut sich eine Münchner Firma, die Garage unter dem Platz zu bauen, wofür das Denkmal, wie sie dem Architekten mitteilt, drei Jahre gesperrt wird. Um zu sparen, soll sich der Autobunker eine Wand mit der Bibliothek teilen. Die historische, zum Konzept des Künstlers gehörende Pflasterung soll später wieder hergestellt werden. Insofern versteht die Sprecherin der Senatsbauverwaltung die Erregung nicht: Mit seinem Protest tue sich Micha Ullmann keinen Gefallen. Die "Größe des Denkmals" bestehe darin, dass es "Teil des Platzes" sei; jetzt werde es "Teil der gesellschaftlichen Nutzung" und damit "eher aufgewertet". Ullmanns placet sei nicht nötig, der Bezirk könne mit der Skulptur "theoretisch machen, was er möchte", falls der Denkmalschutz zustimmt. Ullmann wiederum, dessen Werk zu zwei Dritteln im Grundwasser steht "wie eine Arche Noah, die das Leben nach dem Tod symbolisiert" (Andreas Zerr), revidiert nun auch den Eberhard Diepgen noch am 28. März vorgelegten Kompromiss de Mindestauflagen. Für ihn hat die Bibliothek samt Sichtluke viel mit Auschwitz zu tun, wo man Zyklon B von oben durch eine Luke in die Gaskammer einführte. Die Garage will er keinesfalls akzeptieren.

Das Mahnmal von Gestern hat es schwer im Neuen Berlin: Auch in der Erinnerungspolitik triumphiert the new girl in town. Ist nur das ungebaute Mahnmal ein gutes Mahnmal? Während am zentralen Forum Friderzianum Ullmanns konsequentes Kunstwerk in die Bezirksmühlen gerät, während die Topographie des Terrors, Berlins bewährteste, wichtigste Gedenkstätte, seit Jahren geschlossen ist und ihr Neubau dem Baustopp unterliegt, verkünden die Betreiber des künftigen Holocaust-Mahnmals (bescheidene) Erfolge, den Baubeginn noch für dieses Jahr und ihre Entscheidung für eine sakralisierende Einrichtung des unterirdischen "Ortes der Information". Offenbar ist die emotional kalkulierte Inszenierung im Kommen, während es in der stillgelegten Topographie am "authentischen Ort" noch um nüchterne Dokumentation des nationalsozialistischen Terrorsystems ging. In schrumpfenden Intervallen lösen die Generationen der Gedenkstätten-Mode, konkurrierend um den letzten Schrei, einander ab. Die Öffentlichkeit nimmt die gern beschworene komplementäre Vernetzung der Gedenkorte kaum wahr, sie sieht nur das Ergebnis divergierender Zuständigkeiten: Holocaust-Mahnmal und Jüdisches Museum trägt der Bund, die Topographie tragen je zur Hälfte Bund und Berlin, um das Bücherverbrennungs-Denkmal sorgt sich der Bezirk. Für die oberflächliche Wahrnehmung gehört das alles in einen Topf. Der Verdrängungswettbewerb aber betrifft die aktuelle Aufmerksamkeit - und den Etat.

Die Topographie des Terrors ist Berlins wichtigste Gedenkstätte wegen der Authentizität des Orts, an den dem sie sich befindet, auf den ihr Name verweist - und weil sie die Geschichte der Täter erzählt. Die physische Dimension des authentischen Ortes (mit der auch das Denkmal am Bebelplatz künstlerisch umgeht) ist keine archaisierende Spielerei, gleichwohl gewinnt sie gerade im Zeitalter der Virtualisierung wieder an Bedeutung. Sie hat nichts zu tun mit dem thrill des so genannten Authentischen beispielsweise im Reality TV; dort ist keineswegs die Darstellung von Wirklichkeit beabsichtigt, sondern die Voyeurs-Inszenierung eines Wirklichkeits-Spiels. "Authentische" NS-Gedenkstätte gibt es nicht. Auch die Rampe von Auschwitz - eine negative Ikone des 21. Jahrhunderts - unterlag den Kriterien und Eingriffen konservatorischer Gestalter. Nichts sehen wir, wie es war. Doch historisch saubere Vermittlung bietet nachvollziehbare Konstrukte für die nachempfindende Reflexion, im Erkenntnisrahmen ihrer Zeit. Das ist vormals in dem Barackenprovisorium an jenem Ort, wo Reichssicherheitshauptamt und SS ihre Zentrale hatten, eindrucksvoll gelungen. Auch in der Gedenkstätte Sachsenhausen, wo demnächst eine multimediale Ausstellung zum Alltag im KZ eröffnet, geht es um reflektierte Vermittlung des Authentischen. Die Erzählung des totalitären Alltags, in den auch Soldatenfrauen, Eisenbahner, Verwaltungsbeamte und Lochkartenhersteller verstrickt waren, ist eine unaufschiebbare Aufgabe der Erinnerungspolitik. Sehr wohl läßt sich die Geschichte der Täter erzählen, ohne dabei angesichts des Menschheitsverbrechens dem "deutschen Sündenstolz" (Henryk M. Broder) in die Falle zu gehen.

Die Garage unter dem Stelenfeld

Trotzdem ist ihre NS-Vergangenheit für die Hauptstadt nach dem Wegfall der Mauer eine kaum entbehrliche Horror-Marketing-Attraktion: Dieser unappetitlichen Erkenntnis braucht sich Erinnerungspolitik nicht zu verschließen. Aber sie muss sich entscheiden, ob sie ihre so genannte Erinnerungslandschaft neben den Außenwirkungs-Interessen (was sagt die Welt über uns? was lockt Touristen?) auch dem Ziel der verantwortlichen Überlieferung unterordnet. So gesehen ist die Topographie des Terrors das Pflichtprogramm, weil in Täter-Geschichten die Mehrheit des Volkes involviert war; als Bühne zur pädagogisch-finanziellen Maßregelung der chaotischen Berliner Planer durch den Bundeskulturbeauftragten ist dieses Institut ungeeignet. Holocaust-Mahnmal und Jüdisches Museum sind die Kür, ohne die Topographie verfälscht sich ihre Botschaft. Ihre Errichtung wird vom Wunsch der Deutschen getragen, sich auf diesem Feld der Erinnerung mit der Minderheit der Opfer zu identifizieren. Was die Stiftung des Denkmals für Europas ermordete Juden nicht davon abhalten sollte, unterm Stelenfeld gleich eine Garage samt Eingang in den Andachtsraum zu bauen, dann haben wir das in fünf Jahren schon hinter uns.

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