Streit um Mahnmal in Berlin : 16 744 Schuhe

Eine „Säule der Schande“, mitten in Berlin: Vor dem Brandenburger Tor errichtet der Künstler Philipp Ruch einen Berg aus 16.744 Schuhen, die er in Bosnien-Herzegowina gesammelt hat.

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Ausgerechnet Schuhe. Ein ganzer Berg, vor dem Brandenburger Tor in der Nähe des Holocaust-Mahnmals. Fünf Meter hoch, acht Meter im Durchmesser. Obenauf soll zwei Buchstaben aus Stahl thronen: UN. Nicht wenige Touristen werden sich fragen, was es mit dieser Installation, diesem UN-Gipfel, auf sich habe. Dem Künstler Philipp Ruch und seinem jungen, aber bereits notorischen „Zentrum für Politische Schönheit“ wird mit dieser „Säule der Schande“ zumindest eins gelungen sein: Irritation.

Exakt 16 744 Schuhe hat Ruch in Bosnien-Herzegowina sammeln lassen. Zwei für jeden der 8372 bosnischen Männer und Jungs, die vor 15 Jahren von serbischen Truppen bei Srebrenica quasi vor den Augen der niederländischen UNTruppen erschossen wurden. In Bosnien stieß Ruchs Mahnmal-Idee auf große Begeisterung. Er erhielt Unterstützung seitens der Mütter von Srebrenica und vom bosnische Außenminister. Schulkinder, Sportler, Künstler, Intellektuelle – kaum jemand, der nicht seine Schuhe spendete. Das Oberhaupt der bosnischen Muslime überließ seine Lederslipper ebenso wie Bosniens Botschafter bei den Vereinten Nationen. Einige Angehörige trennten sich sogar von den Schuhen ihrer ermordeten Verwandten, die aus den Massengräbern geborgen worden waren. In jedem Schuh steckt eine Nachricht des Spenders an die Weltgemeinschaft, von der sich die muslimischen Bosnier im Stich gelassen fühlten.

Am Sonnabend werden die Schuhe nun auf dem Pariser Platz aufgeschichtet und bis Sonntag zu sehen sein. Man wolle anklagen, beschämen und erschüttern, sagt Philipp Ruch. Die Anklage richtet sich gegen die Vereinten Nationen, die bis heute nicht bereit sind, sich bei den Angehörigen der Opfer zu entschuldigen, geschweige denn Verantwortung zu übernehmen. „Beschämt“ werden sollen die damals untätigen Politiker und Generäle. Und erschüttern möchte Ruch alle, die den Jahrestag des Massakers am liebsten vergessen würden. Sein Zentrum für Politische Schönheit beschreibt Ruch als „Thinktank von Menschenrechtlern für die Ächtung von Völkermorden“.

Die ikonografische Ähnlichkeit des bosnischen Schuhbergs mit den Schuhen der vergasten Juden von Auschwitz ist für Ruch kein Problem: „Nike-Schuhe sind etwas anderes.“ Stattdessen kritisiert der 29-Jährige: „Wir haben durch die pausenlose Erinnerung an den Holocaust bei zeitgleicher Tatenlosigkeit in Bosnien, Ruanda, Darfur und Kongo bewiesen, welche Lehren wir aus dem Holocaust zu ziehen bereit sind: Nie wieder Juden. Alle anderen Völker sind verhandelbar.“

Cilly Kugelmann, stellvertretende Leiterin des Jüdischen Museums, hält dagegen, dass die Metapher des Schuhbergs in der öffentlichen Wahrnehmung besetzt sei. Sie wirft Ruch vor, gezielt „Transfer-Emotionen“ zwischen Srebrenica und Auschwitz schaffen zu wollen. Die Schuhe stünden für die Vernichtungspolitik der Nazis und nicht für Massaker in der Folge von Kriegshandlungen. Außerdem könne man wohl nicht die Juden für das Desinteresse der Deutschen an bestimmten Konflikten verantwortlich machen.

Nach Berlin soll die „Säule der Schande“ vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag zu sehen sein. Ab dem Frühjahr 2011 werden die Schuhe dann in eine acht Meter hohe Stahlkonstruktion gefüllt, die weithin sichtbar in der Gedenkstätte Potocari bei Srebrenica verankert werden soll. Sie besteht wieder aus den beiden Buchstaben UN. Die Vereinten Nationen mit ihren 193 Nationen, deren Handlungsfähigket vom Willen oder Unwillen der fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats abhängt, wird diese Anklage voraussichtlich kaum erschüttern. Philipp Lichterbeck

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