Streit um Volksbühne Berlin : Ai Weiwei und die Sache mit dem Stinkefinger

Ai Weiwei äußert sich zum Volksbühnen-Streit: Mit einem "F... you"-Foto in seinem Instagram-Blog. Was der chinesische Künstler damit sagen will - vielleicht. Und wie er sich weiter dem Thema Flüchtlinge widmet.

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Ai Weiwei postete ein neues Motiv seiner Reihe "Study of Perspective" auf Instagram.
F... you, Volksbühne? Ai Weiwei postete ein neues Motiv seiner Reihe "Study of Perspective" auf Instagram.Foto: Instagram

Ai Weiwei zeigt der Volksbühne den Stinkefinger, in seinem Fotoblog auf Instagram. Was meint er denn nun, der chinesische Künstler mit aktuellem Wohnsitz in Berlin: "F... you Frank Castorf"? "F... you Chris Dercon"? Letzteres wohl kaum. Der Museumsmann, dessen Berufung zum Volksbühnen-Chef ab 2017 einen erbitterten Theaterstreit ausgelöst hat, widmete Ai Weiwei 2009 im Münchner Haus der Kunst die erste große Einzelausstellung in Deutschland, ein Jahr später holte er ihn mit der großen und großartigen „Sunflower Seeds“-Installation in die Tate Modern nach London. Also "F... you, Theaterstreit"?

Eigentlich ist Ai Weiwei gerade in Sachen Flüchtlinge unterwegs. Seit bald einem Jahr lebt und arbeitet der Konzeptkünstler in Berlin, auch eine Art Exil. Er unterrichtet an der Universität der Künste, recherchiert mit seinem Team in Griechenland, der Türkei, Israel, Westbank und Gaza, demnächst auch im Irak, Syrien und afrikanischen Ländern über Flucht und Migration, wie er kürzlich dem Tagesspiegel sagte.

In Wien stürmen die Besucher seine aktuelle Ausstellung „translocation – transformation“, gerade hat das Belvedere bekannt gegeben, die Zahl der Öffnungstage wegen des Andrangs von fünf auf sechs zu erhöhen. Im barocken Bassin vor dem Schloss hat Ai Weiwei Schwimmwesten platziert, jene bunten Westen, die er bislang an Fassaden und Säulen drapierte, auch in Berlin, als Memorial für ertrunkene Mittelmeerflüchtlinge. Diesmal sind sie zu Lotosblüten zusammengebunden, die gemeinsam ein kalligrafisches F formen.

In Wien formen die Schwimmwesten ein F: wie Freiheit, wie Fake

F wie Flüchtlinge, wie Freiheit, wie Fake. Fake hieß Ai Weiweis Architekturfirma in Peking (die mit Steuerhinterziehungs-Klagen überzogen wurde), "Fuck" steht in großen Lettern an der Gartenmauer seines dortigen Ateliers. Der Belvedere-Ausstellungskurator Alfred Weidinger hat eine andere Assoziation zum Blüten-Buchstaben: Das von Ai Weiwei nachgestellte Foto des toten Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi am Strand sei selber inszeniert gewesen, sagte er in Wien.

Wie bitte? Ai Weiwei hatte wegen seines Reenactments am Strand heftige Kritik geerntet, es sei plakativ, kitschig, geschmacklos. Als künstlerischer Kommentar zu einem Foto-Fake stünde seine Aktion in einem anderen Licht. Aber das ikonische Bild von Aylan, das um die Welt ging, ist nicht nachgestellt. Einheimische hatten die Leichen des Jungen und weiterer Opfer an Land gezogen, genauso fand die Fotografin das kurdische Kind vor. Inszenierung ist etwas anderes.

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Ai Weiweis Schwimmwesten-Mahnmal in Wien
Ai Weiweis Schwimmwesten-Mahnmal in Wien

"Study of Perspective" heißt die Stinkefinger-Serie

Mit Blick auf die Schwimmwesten wäre das F wie Fake allerdings sinnfällig. Die Westen, die Aylans Familie trug, taugten offenbar nichts. Auch wegen dieser Billigimitate sind der Junge, sein Bruder und seine Mutter ertrunken. Oder geht es in Wien um F wie "F... you", wegen des Shitstorms gegen den Künstler? Immer schön, wenn die Kunst Verwirrspiele spielt.

Womit wir wieder bei der Volksbühne und dem Stinkefinger wären, der nonverbalen Variante von "F... you". Ist die linke Hand, die sich auf dem Instagrambild gegen das Theater erhebt, nicht doch recht jung? Handelt es sich vielleicht gar nicht um den 58-jährigen Künstler selbst, sondern um seinen Sohn, der im Blog ja ohnehin omnipräsent ist? So oder so ist der ausgestreckte Mittelfinger als künstlerisch-politische Intervention nicht neu in Ais Werk. „Study of Perspective“ heißt die Bilderserie, die auch in der Ai Weiwei-Schau „Evidence“ 2014 im Martin-Gropius-Bau-zu sehen war. Der erste antiautoritäre Gestus galt 1995 dem Tor des Himmlischen Friedens am Tienanmen-Platz in Peking, folgten das Weiße Haus, der Eiffelturm, Markusdom, Kolosseum, Sydney-Oper, Reichstag ...

Die Fotos, so stand es damals im Ausstellungskatalog, „rufen den Betrachter dazu auf, seinen als selbstverständlich empfundenen Respekt vor Autoritäten infrage zu stellen“. Was bedeuten würde, dass Ai Weiwei sich im Volksbühnen-Streit gerade nicht unmissverständlich positioniert, sondern den Castorf-Dercon-Kontrahenten lieber ein rotzfreches "F... you Volksbühne" zuruft? Wie gesagt, immer schön, wenn Kunst die Fronten verwirrt. Denn Respektlosigkeit ist wahrlich nichts, was man den Streithähnen beibringen müsste. Egal, welchem Lager sie angehören.

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