Streit um Xavier Naidoo : Behalt dein Lied

Xavier Naidoo, der Eurovision Song Contest und die richtige Gesinnung: Popstars leben in und von der Öffentlichkeit. Das kann ungemütlich werden.

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Xavier Naidoo beim Auftritt im Ehrenhof des Mannheimer Schlosses im Juli dieses Jahres. Mit einem Jubiläumskonzert feierte er dort das zwanzigjährige Bestehen seiner Band Söhne Mannheims.
Xavier Naidoo beim Auftritt im Ehrenhof des Mannheimer Schlosses im Juli dieses Jahres. Mit einem Jubiläumskonzert feierte er dort...Foto: dpa

Wer am vergangenen Wochenende den Glauben an die Menschheit verlieren wollte, musste sich ein wenig in den Facebook-Kommentarspalten volkstümlicherer Medien umschauen. Bei „Bild“ und „Promi Flash“ zürnte das Gros der Kommentierenden den „Gutmenschen“, die Xavier Naidoo – aus Neid!!! – den Auftritt beim Eurovision Song Contest „verboten“ haben. „Toll sind wir schon so weit das die Politik bestimmt wer teilnimmt oder nicht.“ Um nur mal eine Äußerung zu zitieren, die auf nicht zitierfähige Verbalinjurien gegen die „Meinungs- und Gesinnungsdiktatoren“ verzichtete.

Auch im Bekanntenkreis wurde über Naidoos ESC-Aus durchaus kontrovers diskutiert. Richard Wagner und Pablo Picasso seien doch auch fragwürdige Menschen mit fragwürdigen Ansichten gewesen. Und trotzdem würden ihre Werke bis heute von honorigen Kulturkonsumenten goutiert. Selbst die Kanzlerin fährt schließlich nach Bayreuth!

Waren nicht auch Wagner und Picasso schräge Typen? Der Vergleich hinkt

Nun ist es gewiss auch nicht unbedingt klug, hier nur auf den zeitlichen und zeitgeistlichen Kontext von Personen und ihren Haltungen zu verweisen. Nach dem Motto: Zu Lebzeiten Wagners war man „halt so drauf“. Harry Rowohlt hat mal – schief, aber erhellend – relativierende Aussagen heutiger Anthroposophen über antisemitische Ausfälle Rudolf Steiners gekontert. Sinngemäß: Fängt man einmal so an, müsste man konsequenterweise auch dessen Zeitgenossen Adolf Hitler irgendwie in Schutz nehmen.

Produktiver erscheint es, hier noch einmal zart auf eine Zeitenwende hinzuweisen, die das Schaffen Naidoos von dem Wagners und vielleicht auch dem Picassos trennt: die Entstehung einer Popkultur, in etwa seit Beginn der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In dieser Kultur das Werk ohne den Künstler als Summe seiner Haltungen und Handlungen denken zu wollen, ist schwierig bis unmöglich. Popmusiker werden nicht allein an ihrer Originalität und Virtuosität gemessen – schade für den hochbegabten Naidoo. Der Popcharakter spielt „eine Rolle, von der man behauptet, dass sie keine Rolle ist“, wie es Deutschlands oberster Pop-Theoretiker Diedrich Diederichsen sieht. Diese Rolle aber manifestiert sich überall, wo der Star Öffentlichkeit erfährt – und sei es an einer Stelle, wo er nicht als Musiker, sondern als politischer Redner vor Verschwörungstheoretikern auftritt.

Selbst wenn es also noch gelingt, homophobe Liedzeilen als Teil irgendwelcher Rap-Chiffren wegzudeuten – auch solche Übungen gehören ja in die semantisch unsichere Welt des Pop: Der Pop-Künstler bleibt im Ganzen Bedeutungsträger und Projektionsfläche der Öffentlichkeit, auf die er trifft. Bewegt er sich ausschließlich in der Sicherheit seiner Fanzirkel, bleibt dabei redundantes Wohlwollen. Betritt er die große Bühne, kann es ungemütlich werden, auch weil da niemand Deutungshoheit besitzt. Welche Details er nun hervorhebt, ob die Teilnahme an antirassistischen Kampagnen oder den unverhohlenen Antisemitismus einiger Liedzeilen, wie er sie gegeneinander gewichtet und wie hoch er moralische Maßstäbe anlegt, ist jedem Diskursteilnehmer überlassen. Das ist die Freiheit, die Naidoo, seine Freunde und Fans aushalten müssen. Es ist die Freiheit des Pop in einer Demokratie.

Natürlich soll Xavier Naidoo seine Ansichten verbreiten dürfen

Und um das auch noch einmal klar zu sagen: Niemand verbietet Xavier Naidoo, seine Ansichten zu verbreiten und weiterhin künstlerisch aktiv zu sein. Niemand kann und will TV-Sender dazu bringen, nicht weiter mit ihm zusammenzuarbeiten – außer vielleicht gebührenfinanzierte. Obwohl man Naidoos prominente Präsenz bei der Vox-Sendung „Sing meinen Song“ in diesem Jahr durchaus irritierend finden konnte. Nach allem, was da schon breit thematisiert worden war.

Die Referenzebene für Naidoo bei der Kritik an seinem avisierten Auftritt für Deutschland beim Eurovision Song Contest ist aber eben nicht, dass Künstler früher, in kulturell und medial völlig anders gestalteten gesellschaftlichen Zusammenhängen, abseits der Kunst dubiose Charaktere sein durften. Das funktioniert heutzutage nicht einmal mehr bei Sportlern. Das würde – könnte man sich darauf einigen, dass sie zumindest in der heutigen Rezeption kein Teil der Musikgeschichte, sondern der Popkultur sind – im Übrigen auch bei Wagner und Picasso nicht mehr funktionieren. Was wiederum nicht bedeutet, dass man auch Wagner nicht mehr hören „darf“. Nein, man darf so einiges in dieser aufregenden Gegenwart. Man darf sich nur nicht wundern, wenn das auch dann noch Wirkungen und Kommunikation erzeugt, wenn man selbst das Thema gern für beendet erklären würde.

Insofern ist es völlig richtig, dass Menschen, die keine Ikonen des Pop sind, die Pop-Ikone Naidoo nicht als Bedeutungsträger zum ESC fahren lassen wollten. Insofern ist es völlig falsch, diesen Kritikern pauschal irgendwelche unlauteren Motive zu unterstellen und ihnen das Recht auf ihren Protest, als Form der Einflussnahme, abzusprechen. Das gutsherrliche Hü und Hott der ARD in dieser Sache ist dann noch einmal ein anderes Thema.

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