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Streit ums Humboldt-Forum : Kunsthistorikerin Savoy: "Da herrscht totale Sklerose"

Die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy erhebt schwere Vorwürfe gegen das Berliner Humboldt-Forum: Es mangele an Provenienzforschung, Transparenz, Autonomie. Die Gründungsintendanten weisen die Kritik entschieden zurück.

Die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy unterrichtet an der TU Berlin und am Collège de France.
Die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy unterrichtet an der TU Berlin und am Collège de France.Foto: Promo/TUB/Dahl

Die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy hat schwere Vorwürfe gegen die Betreiber des künftigen Berliner Humboldt-Forums erhoben, vor allem gegen die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Savoy, die seit vielen Jahren an der TU Berlin und jetzt auch am Collège de France lehrt, ist frustriert aus der Expertenkommission des Humboldt-Forums ausgetreten. Im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ begründet sie dies unter anderem damit, dass das 2015 ins Leben gerufene internationale Gremium bisher erst zweimal tagte. Bei dem jetzt noch achtköpfigen Beirat, dem Kunst- und Kulturhistoriker aus der ganzen Welt angehören, von Kenia über Peru bis China, handele es sich „um eine bloße Pro-forma-Veranstaltung“.

Savoy, 45, wirft den Akteuren vor, dass es an Transparenz, Teamgeist und Verantwortung fehle. An der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die künftig im Humboldt-Forum die ethnologischen und asiatischen Sammlungen der Staatlichen Museen präsentiert, kritisiert sie „das hierarchische Gefüge, die fehlende Autonomie einzelner Häuser, da herrscht eine totale Sklerose“. Die SPK hätte den Mut haben müssen, das Projekt abzugeben. Nun versuchten Kulturstaatsministerin Monika Grütters und Gründungsintendant Neil MacGregor zu retten, was zu retten sei.

Savoy vermisst auch eine engere Verzahnung von Museum und Forschung

Bénédicte Savoy, die sich in ihren wissenschaftlichen Arbeiten unter anderem mit den Humboldt-Brüdern und dem Schicksal von Kulturgütern in den Weltkriegen befasst, vermisst zudem ausreichende Provenienzaufklärung sowie eine engere Verzahnung von Sammlung und Wissenschaft. Der Name Humboldt sei nur ein Label. 300 Jahre Sammeltätigkeit „mit all den Schweinereien und Hoffnungen, die damit verbunden sind“, das seien wir, „das ist Europa“. Leider sei das Ganze wie Atommüll unter einer Bleidecke begraben, „damit bloß keine Strahlung nach Außen dringt. Das Humboldt-Forum ist wie Tschernobyl“. Savoy hatte sich zuletzt auch in der Debatte um das Kuppelkreuz auf dem Schloss deutlich positioniert und sich gegen ein Kreuz ausgesprochen.

Gründungsintendanten: Provenienzforschung ist die DNA des Humboldt-Forums ...

Die Gründungsintendanz, der neben dem britischen Museumsmann Neil MacGregor der SPK-Präsident Hermann Parzinger und der Kunsthistoriker Horst Bredekamp angehören, wies die Vorwürfe zurück. Das zweite Treffen des Expertenbeirats im April 2017 habe mit nachhaltigen Gesprächen, Diskussionen und einer vielbesuchten Abschlussveranstaltung bewiesen, wie lohnend der Austausch sei. Anders als der Louvre oder das British Museum sei das Humboldt-Forum noch keine ausgewachsene, fertige Institution, ihre Strukturen würden gerade erst aufgebaut. Auch erweise sich in der engen Zusammenarbeit der Akteure bereits jetzt großer Teamgeist und Motivation

Die Intendanten gehen in ihrer Stellungnahme auch auf Savoys Kritik ein, schon die Schloss-Architektur signalisiere. "dass man Geschichte rückgängig machen kann". Es sei von Anfang an nicht das Ziel gewesen, Geschichtsrevisionismus zu betreiben, "sondern ganz im Gegenteil die wechselhafte Geschichte in all ihrer Brüchigkeit fühlbar zu machen", so MacGregor, Parzinger und Bredekamp.

Die Provenienzforschung, die Savoy vermisst, nennen die drei Intendanten ganz im Gegenteil „die DNA“ des Humboldt-Forums. Jedes Objekt, das ausgestellt werde, sei von den Kuratoren einer ersten Prüfung unterzogen worden. Auch werde man zu jedem Exponat Grundinformationen zur Herkunft und Sammlungsgeschichte für den Besucher sichtbar machen, dies sei schon lange klar. „Provenienzforschung ist ein fortwährender Prozess, der mitunter viele Jahre für ein Objekt in Anspruch nimmt,“ heißt es in dem Statement der drei. Hermann Parzinger hat die Bedeutung der Provenienzrecherchen in der Tat bereits häufig betont, auch für die Staatlichen Museen insgesamt. Dem hält Savoy im Interview entgegen, „Humboldt, Provenienz, Multiperspektivität, Shared Heritage“, das seien Schlagwörter, „die da verkauft werden“.

... und Humboldt "kein blutleeres Label, sondern Programm"

MacGregor, Parzinger und Bredekamp widersprechen: Der Name Humboldt sei kein blutleeres Label, sondern Programm. Man werde Sammlung, Forschung und Lehre im Sinne der Namensgeber zusammenbringen. Geplant sind unter anderem ein Vorlesungssaal mit Dolmetscherkabinen, Seminarräume und die Humboldt-Akademie als „Zentrum der Bildung und Partizipation“. Die Demokratisierung von Wissen nennen sie „eines der größten Vorhaben des Humboldt-Forums“.

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die von Bénédicte Savoy am schärfsten kritisiert wird, wollte am Freitag keine eigene Stellungnahme zu den Kritikpunken abgeben.


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