Kultur : Streitbar, verlässlich, unbeirrbar Der Literaturkritikerin Sigrid Löffler zum 70.

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Sie ist, trotz jüngerer Konkurrentinnen, noch immer die bekannteste Literaturkritikerin Deutschlands: die als Sudetendeutsche geborene, seit gut einem Jahrzehnt in Berlin lebende Urwienerin Sigrid Löffler. In den achtziger und neunziger Jahren war sie als Leiterin des Kulturressorts und stellvertretende Chefredakteurin des Wiener Nachrichtenmagazins „Profil“ Österreichs einflussreichste Kulturpublizistin.

Man beachtete sie da auch schon in Deutschland. Wir saßen so zusammen in der Jury des Berliner Theatertreffens, und während meiner Jahre bei der Zeitschrift „Theater heute“ bewunderte ich jedesmal, wie diese in noch viel mehr Jurys und überhaupt im deutschsprachigen Kulturbetrieb extensiv beschäftigte Allrounderin auch als Wiener Theaterkorrespondentin ihre Kritiken, Kommentare und Interviews profund und mit geradezu preußischer Pünktlichkeit lieferte.

Sie ist, obwohl von manchen kulturellen Moden (wie den Spielarten der Postpostmoderne schnell attrahiert), eine streitbar Verlässliche. Man konnte sich vor allem darauf verlassen, dass sie im speziellen Intrigendschungel der Wiener Szene den Kopf oben und den Durchblick behielt. Wobei sie, es waren die tollen, in der Wiener Burg umkämpften Peymann- und Bernhard-Jahre, dem Schriftsteller Th. B. erst mal die Treue hielt – während sie zum deutschen Machopiefke Claus P. nie mehr (und nicht weniger) als eine respektvolle Hassliebe entwickelt hat.

Einen gewissen Österreich-Bonus, den gab und gibt sie als Kritikerin schon. Jedenfalls war sie auch im legendären „Literarischen Quartett“ des ZDF eine kaum beirrbare Verteidigerin der Werke von Peter Handke oder Elfriede Jelinek, manchmal gegen ihren Widerpart Hellmuth Karasek und immer gegen den cholerisch-komischen oder autoritär-polemischen Häuptling Marcel Reich-Ranicki. Wer, zumal jüngere Leser, nachspüren will, mit wie viel kluger Verve Sigrid Löffler (hier unterstützt von Karasek) einen so feministisch-furiosen und auch erbarmungslosen Text wie Elfriede Jelineks Antiporno „Lust“ gegen männliche Banauserie zu verteidigen weiß, der sollte in der im Jahr 2000 erschienenen Wortlautdokumentation des „Literarischen Quartetts“ einmal die Seiten 55 bis 69 lesen (Heyne Taschenbuch 19/706).

Die Diskussion über Jelinek bot im März 1989 schon einen Vorgeschmack auf den späteren Bruch zwischen Löffler und Reich-Ranicki, der im Streit über einen erotischen Roman von Haruki Murakami im Jahr 2000 zum Anfang vom Ende des „Quartetts“ führte. Auch als Feuilleton-Chefin bei der „Zeit“ (1996–99) stießen zwischen Löffler und einigen grauen Eminenzen des Blatts am Ende sehr unversöhnliche Temperamente zusammen. Danach steuerte Löffler in Berlin fast ein Jahrzehnt die Zeitschrift „Literaturen“ durch die Dämmerung des Gutenbergzeitalters. Heute feiert die engagierte Kritikerin ihren 70. Geburtstag. Peter von Becker

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