Kultur : Streitschrift der ersten Rabbinerin der Welt veröffentlicht

Alexander Pajevic

"Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden?" Eine längst beantwortete Frage. Regina Jonas selbst, erste Rabbinerin der Welt, hat sie gestellt. Ihre lange verschollene Streitschrift wurde jetzt veröffentlicht.

Regina Jonas wurde 1902 in Berlin geboren und wuchs im sogenannten, nicht mehr bestehenden Scheunenviertel auf. Sie besuchte die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in der heutigen Tucholskystraße. In dem Gebäude befindet sich seit kurzem der Sitz des Zentralrats der Juden in Deutschland. Ihr Studium schloss Frau Jonas 1930 über die oben gestellte Frage ab, die sie bejahte, doch nicht aus einem liberalen, sondern überraschenderweise orthodoxen Verständnis der jüdischen Religionsgesetze heraus, wie die Herausgeberin Elisa Klapheck, Chefredakteurin der Zeitschrift "Jüdisches Berlin", schreibt. Frau Jonas wurde nur als Religionslehrerin diplomiert - die Ordinierung als Rabbinerin schien der liberal eingestellten Lehranstalt noch zu gewagt. Erst einige Jahre später wagte 1935 Rabbiner Max Dienemann aus Offenbach diesen Schritt. "Fräulein Rabbiner Jonas", wie sie sich fortan nannte, begann in verschiedenen liberalen Synagogen in Berlin zu predigen. In der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße etwa konnte sie nicht von der Kanzel herab, sondern musste im Trausaal sprechen. Möglicherweise hat ihr auch der Umstand, dass viele Rabbiner Deutschland aus Furcht vor den Nazis verlassen hatten, dabei geholfen, endlich als Frau diese Amt ausfüllen zu dürfen.

Regina Jonas soll als Seelsorgerin in schwerer Zeit besonders begabt gewesen sein. Sie habe es geschafft, Stolz und Würde zu vermitteln, heißt es in Dankesbriefen. Sie wurde zur Zwangsarbeit in einer Kartonagenfabrik verpflichtet und predigte dort weiter, wie auch nach ihrer Deportation nach Theresienstadt. 1944 wurde sie in Auschwitz ermordet.

Regina Jonas wurde lange Zeit verschwiegen. Elisa Klapheck begegnete bei ihren Recherchen noch auf starke Vorbehalte. In den Autobiographien berühmter Zeitgenossen, mit denen Frau Jonas zusammen gearbeit und gepredigt hatte, taucht ihr Name nicht auf. Erst 1972 wurde in den USA wieder eine Frau ordiniert und ihrerseits für die erste Rabbinerin der Welt gehalten. Zwar ist es nichts Aufsehenerregendes mehr, dass Frauen in liberalen Gemeinden dieses Amt bekleiden. Dennoch, so die Autorin, sei die Streitschrift von Regina Jonas noch immer der umfassenste Versuch, Frauen als Rabbinerinnen zu legitimieren.Seit 1992 wußte man um die Existenz des Nachlasses von Regina Jonas; seit 1995/96 weiß man auch, dass er zu den Beständen des Centrum Judaicums gehört. Frau Jonas muß sie vor ihrer Deportation in der Neuen Synagoge hinterlegt haben - wahrscheinlich in der Hoffnung, sie in besseren Zeiten wieder abholen zu können. Elisa Klapheck hat die eigentliche, auf einem Typoskript basierenden Streitschrift sorgfältig ediert, ihr einen biografischen Essay vorangestellt sowie für Leser, die mit der jüdischen Religion nur wenig vertraut sind, im Anhang ein ausführliches Glossar erstellt.Elisa Klapheck (Hrs.): Fräulein Rabbiner Jonas. Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden?. Sonderband in der Reihe "Jüdische Memoiren". Verlag Hentrich & Hentrich, Teetz 1999. Etwa 300 Seiten, 39,80 Mark

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