Kultur : Streusand im Getriebe der Welt

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Von Jörg Plath

„Streusandbüchse“ war noch eine der zärtlicheren Bezeichnungen für die Mark Brandenburg. Auch der Franzose Stendhal verstand nicht, wie man in diese sandige Einöde Dörfer hatte bauen können. Musen und Grazien, durchaus sehr reizende, soll es nach übereinstimmenden Berichten von Reisenden wohl gegeben haben, allein: Kaum jemand mochte sie anrufen, sich von ihnen küssen und zur Poeterey beflügeln lassen. Die Dichter, aus Frankreich, Weimar oder Jena kommend, reisten flugs weiter, wenigstens nach Potsdam, meistens nach Berlin.

Die Literaturgeschichte der Region ist daher über größere Strecken so unergiebig wie der märkische Boden. Wenn eine Potsdamer Ausstellung im Kutschpferdestall nun nicht weniger als „750 Jahre Literatur in der Mark Brandenburg“ verspricht, dann zwinkert sie unübersehbar mit beiden Augen. „Musen und Grazien in der Mark“ lautet der Titel, den das Brandenburgische Literaturbüro einem Xenion Goethes entlehnte. Der Olympier belustigte sich darin über einen Almanach des Idyllikers Friedrich Wilhelm August Schmidt, dem Pastor von Werneuchen.

Mit mystischen Traktaten nimmt die Literatur Brandenburgs ihren Anfang, mit Sagen von stummen Fröschen und dreibeinigen Hasen sowie sieben Liedern des Markgrafen Otto IV. (nach einer Verletzung auch „Otto mit dem Pfeile“ geheißen), die sich in der Manessischen Handschrift finden. Einen Walther von der Vogelweide hat das Land jedoch nicht hervorgebracht.

Erst nach dem Auftritt des Barockdichters Martin Opitz an der Universität Frankfurt/Oder nimmt die Dichterfrequenz zu. In Wiepersdorf wohnen, schreiben und lieben Bettine und Achim von Arnim, in Nennhausen empfängt das Schriftstellerpaar Fouqué und Karoline von Rochow Fichte, von Ense, Eichendorff, E. T. A. Hoffmann und andere, Tieck verkehrt in Mladitz bei Finckenstein, dessen einer Sohn unglücklich in Rahel Levin verliebt ist. „Lauter Dichterhöfe“ notiert 1864 Theodor Fontane, dem in in der Ausstellung ebenso wie Kleist und Peter Huchel ein eigenes Porträt gewidmet ist.

Alle Wege des Adels, ob er nun selbst schreibt oder mäzenatisch tätig ist, führen über Berlin. Die aufstrebende Residenzstadt spart die Ausstellung mit gutem Grund aus, zeigt aber ihren Einfluss auf das umgebende Land: als Arbeitsteilung. In der Stadt findet das Neue statt, hier herrschen Tempo, Innovation, Konkurrenz. Der Provinz bleibt der Rest. Sie wird zur Rousseauschen Verkörperung natürlichen Lebens und zum melancholischen Erinnerungsort wie bei Gottfried Benn, der im neumärkischen Sellin aufwuchs: „Es ist ein Garten, den ich manchmal sehe / östlich der Oder, wo die Ebenen weit. / Ein Graben, eine Brücke, und ich stehe / an Fliederbüschen, blau und rauschbereit.“

Anderen dient die Mark als Rückzugsort zur Erholung oder zur Arbeit. Carwitz heißt das kleine Arkadien für Rudolf Dietzen, der als Hans Fallada Erfolge feiert, Buckow ist es für Bertolt Brecht und Helene Weigel, und in Finkenkrug findet Gertrud Kolmar bis 1939 Schutz vor den Nationalsozialisten.

Potsdam behauptet neben Berlin eine gewisse Eigenständigkeit. Nach 1918 beherbergt es einige Verlage, außerdem Hermann Kasack und Vertreter der konservativen Revolution. Einem von ihnen schreibt Rosa Luxemburg: „Sie sind prachtvoll aufrichtig! Aber auch ich bin es. Ich habe mir schon manchmal gedacht: den Genossen Winnig könnte ich einmal füsilieren lassen.“ Es kam dann anders.

Obwohl die Ausstellung so pointiert-polemisch Schlaglichter wirft, ist ihr erst chronologischer, dann thematischer, schließlich porträtierender Gang durch die Literatur in Brandenburg eine Herausforderung. Die übliche Bückware aus Büchern und Autographen ist zwar kaum vorhanden, aber die Schrifttafeln ziehen sich recht gleichförmig an den langen Wänden des Kutschstalls hin. Dennoch kommt das Ende dann zu früh: Es fehlen die Lebenden wie Günter de Bruyn oder Botho Strauß. Dafür darf man sich im umfassenden Lesebuch an der Lobpreisung der Teltower Rübchen erfreuen, diesen Kindern „Florens“

Bis 28.7. im Kutschstall am Neuen Markt.

Di bis So 10-18 Uhr. Lesebuch und Schriftstellerlexikon je 12 Euro.

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