Kultur : Strich für Strich

Die Galerie Dörrie Priess zeigt in ihren Berliner Räumen frühe Arbeiten von Hilka Nordhausen

Daniel Völzke

Auf den ersten Blick erinnern die Zeichnungen an riesige Fingerabdrücke: Die geschwungenen Graphitstriche fügen sich zu ovalen Flächen zusammen, die an den Rändern leicht ausfransen. Diese fünfteilige Serie A 22 von Hilka Nordhausen in der Galerie Dörrie Priess ist Teil der Studie „Untersuchungen zum Zeichenvorgang“ aus der Mitte der 70er Jahre. Und obwohl sich die 1993 verstorbene Künstlerin um beinah wissenschaftliche Objektivität bemühte, spricht doch aus allen Zeichnungen immer wieder der Körper als unüberwindbares künstlerisches Mittel. An den Strichen lässt sich etwa die Armlänge Nordhausens ablesen. Kein Fingerabdruck, aber doch eine Spur von Individualität, die sich ganz von allein in jede Kunst einschreibt.

„Die vorgelegten Arbeiten sind Untersuchungen zum Zeichenvorgang selbst“, schrieb Hilka Nordhausen. Neben der großformatigen Serie A 22 (23 000 Euro) zeigt Dörrie Priess auch kleinere Bleistift- und Tuschezeichnungen auf Karton (zwischen 1300 und 6000 Euro). Die damalige Studentin der Hamburger Hochschule für bildende Künste wollte das Zeichnen in seinem zeitlichen Ablauf sichtbar machen. Dazu suchte sie sich Konstanten und Variablen aus. So benutzte sie für eine Serie nur eine Bleistiftstärke, mit der sie die Zeichen auf das Papier brachte: ein senkrechter Strich oder mehrere zu einer Welle verbundene Striche. Meist ordnete sie diese Zeichen in Zeilen an, so dass die Arbeiten wie beschriftete Blätter aussehen. Nordhausen variierte das Blattformat und den Rhythmus, indem sie sich unterschiedliche Zeitvorgaben stellte, oder nach dem Takt eines Metronoms arbeitete.

Die Ergebnisse dieses Experiments sind recht banal. So überrascht etwa die Erkenntnis wenig, dass sich mit der Zeichengeschwindigkeit der Handdruck ändert. Doch auf den Blättern entsteht Strich um Strich eine minimalistische Konzeptkunst, die tatsächlich das Vergehen von Zeit sichtbar macht. Der an Hanne Darboven erinnernde penible Dokumentierdrang lässt schließlich auf dem Papier eine Fieberkurve zittern, die sich gleichsam zwischen den Koordinaten Mensch und Zeit bewegt: Zehn Minuten plus Tempo 200 macht 2000 Striche.

Die Strichbilder erzählen nicht allein vom Ablauf dieses Experimentes, sondern zeigen auch den Willen Hilka Nordhausens, Neues zu wagen. Nach dem Abschluss dieses Werkzyklus gründete sie in Hamburg den Projektraum „Buch Handlung Welt“, der schnell zum Künstlertreffpunkt wurde, in dem etwa Dieter Roth oder Allen Ginsberg auftraten. Nordhausen schrieb Bücher, malte und widmete sich künstlerischen Aktionen. Diese späteren Tätigkeiten kann der Betrachter in diesen frühen Werken ablesen, die sich zwischen Bild, Schrift und Performance bewegen. Ulrich Dörrie und Holger Priess, die den künstlerischen Nachlass Nordhausens verwalten, wollen in der Berliner Zweigstelle ihrer Galerie nun bald auch spätere Arbeiten der Künstlerin zeigen. „Untersuchungen zum Zeichenvorgang“ mag für sich genommen etwas spröde anmuten. In ihrer Grundsätzlichkeit bilden diese Disziplinübungen aber einen wunderbaren Ausgangspunkt, um Hilka Nordhausen neu zu entdecken.

Galerie Dörrie Priess, bis 27. Mai, Yorckstraße 89a; Mittwoch bis Freitag 14.30 – 18.30 Uhr, Sonnabend 12 – 16 Uhr.

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