Kultur : Stricke im Fleisch

Ein Leben mit dem Tod: die großartige Hans Holbein-Ausstellung im Kunstmuseum Basel

Christina Tilmann

Der Papst betrachtet noch seine Krone, der Kaiser sein gebrochenes Schwert. Noch versucht der Fürsprecher zu verhandeln, der Prädikant zu argumentieren, der Arzt seinen Trank zu brauen. Nicht hilft der Nonne ihr Rosenkranz, dem Edelmann sein Schwert, dem reichen Mann sein Geld. Nur die Greisin freut sich über die helfende Hand, der alte Mann über den Wegbegleiter. Und das junge Kind tapst folgsam an der knochigen Hand.

Der Tod ist allgegenwärtig im Basel des frühen 16. Jahrhunderts. Die „Bilder des Todes“, die Hans Holbein der Jüngere 1523 – 25 als Holzschnittfolge entwarf, zeugen von Lebensnähe, beißender Sozialkritik und einer fast dokumentarischen Weltsicht – und sind doch dem mittelalterlichen Totentanz verhaftet, dem fröhlichen Tod, der gleichermaßen über Kaiser, König, Edelmann triumphiert wie über Bürger, Bauer, Bettelmann. Schrift und Bild, Glaube und künstlerische Innovation gehen Hand in Hand: Der Knochenmann umspielt im „Todesalphabet“ neckisch die einzelnen Buchstaben und bestimmt doch nicht mehr alles. Es gibt auch ein Kinderalphabet und eines mit Tieren.

Die großartige Holbein-Ausstellung im Kunstmuseum Basel, die fast alle Werke der Basler Jahre von 1515 bis 1532 versammelt, behandelt die Holzschnitte und Grafikfolgen, jene Bildalphabete und Bibelillustrationen nur am Rande: vorreformatorische Gebrauchskunst. Im Zentrum steht dagegen das Erwachen eines Künstlers, der aus der bürgerlich-zünftischen Kaufmannswelt ausbricht und mit Reisen und prestigeträchtigen Porträtaufträgen den Status eines Hofkünstlers anstrebt. Seinen Zenit wird Holbein nach 1532 in London als Hofmaler Heinrichs VIII. erreichen – die Tate Britain präsentiert diese Lebensphase ab September in London. Doch die Basler Jahre sind ungleich spannender. Noch sind die Werke nicht zu jener miniaturhaften Genauigkeit der Londoner Zeit ausgereift, dafür aber experimenteller, vielfältiger, offener. Sie zeigen den Umbruch vom religiösen Auftragsmaler zum genialen Porträtisten. Zeit- und Glaubensgeschichte in einer Malerbiografie gespiegelt – das gibt es selten so deutlich wie bei Hans Holbein dem Jüngeren.

Karriere hat Holbein in Basel schnell gemacht. 1515 kam der Sohn Hans Holbeins des Älteren, in Augsburg in der Werkstatt des Vaters ausgebildet, gemeinsam mit seinem Bruder Ambrosius nach Basel: eine kreative Malerfamilie, ähnlich den Cranachs. Ambrosius, der ältere der beiden Brüder, hat nur wenige Werke hinterlassen. Schon 1519 verliert sich seine Spur. Hans hingegen malt in Basel zunächst hauptsächlich Gebrauchsbilder: das Aushängeschild eines Schulmeisters, das „Bürger oder Handwerksgeselle, Frau oder Jungfrau“ zum Schreibunterricht lockt. Daneben entwirft er Glasfenster und Fassadenbilder, arbeitet an einer Passionsfolge mit, orientiert sich an Hans Baldung Grien – und porträtiert 1516 als 18-Jähriger den Basler Bürgermeister Jacob Meyer zum Hasen mit seiner Frau Dorothea Kannengießer.

Doch noch stehen die religiösen Werke im Vordergrund. Altarbilder, Passionsfolgen, biblische Szenen sowie Madonnen-, Apostel- und Heiligenbilder. Es sind zum Teil drastische Bilder, Folter- und Todesszenen von erschreckender Körperlichkeit. Da schneiden Stricke ins Fleisch, klaffen die Wunden, ringt der Gequälte nach Luft. Der Mensch, anatomisch genau erfasst, steht in all seiner Vergänglichkeit im Vordergrund, das gequälte Fleisch, nicht die erlösungsbedürftige Seele. Es sind diesseitige, moderne Bilder, trotz des kanonischen Themas vom Humanismus geprägt: Der Mensch, nicht Gott, steht im Mittelpunkt der Welt.

Das alles kulminiert im Meisterwerk der Basler Jahre, das auch im Mittelpunkt der Ausstellung steht: der „Tote Christus“ von 1521/22. Ein extremes, auf 30 mal 200 Zentimetern überlebensgroßes Querformat zeigt den Leichnam ausgestreckt in seiner Gruft. Es ist neben dem nur kurz zuvor in Colmar entstandenen „Isenheimer Altar“ von Matthias Grünewald die wohl drastischste Todesdarstellung der Kunstgeschichte: der Körper ausgemergelt, die Hände und Füße grünlich-schwarz verfärbt, die Nagelwunden klaffend verzerrt. Das Gesicht zeigt die Fratze des Todes, Der Mund klafft offen, die Nase ist spitz geworden, die halb offenen Augen sind glasig gebrochen – keine gnädige Hand hat sie geschlossen. Dostojewski hat bemerkt, der Maler dieses Bildes könne nur ein Atheist gewesen sein. Wahr ist: Die glorreiche Auferstehung, das Osterwunder, das in Colmar die Kreuzigung aufhebt, fehlt in Basel. Hier herrscht, endgültig, Karfreitag und Tod.

Ein Endpunkt, theologisch wie künstlerisch. Vom Tod Gottes geht der Weg nur zurück in die Welt, und hier in die Welt der Repräsentation. Die Tür zur Basler High Society war mit dem Porträt von Jacob Meyer zum Hasen geöffnet. Die Bürgermeisterfamilie wird Holbein noch einmal, in der berühmten „Darmstädter Madonna“, abbilden. Damit nicht genug: Holbein porträtiert den Juristen Bonifacius Amerbach, einen Humanisten und Kunstsammler. Dessen Sammlung, darunter über 20 Gemälde und 150 Zeichnungen Holbeins, bildet den Grundstock des Basler Kunstmuseums. Auch Erasmus von Rotterdam wird auf das Talent des jungen Künstlers aufmerksam, der sein „Lob der Torheit“ mit lustigen Randzeichnungen versieht und empfiehlt ihn seinem Freund Thomas Morus am englischen Königshof. 1526 reist er zum ersten Mal nach England, wo er die Familie von Thomas Morus im ersten Gruppenporträt nördlich der Alpen festhält. Das Bild selbst ist im 18. Jahrhundert verbrannt. Drei Vorstudien sind in Basel zu sehen.

Als Holbein 1528 nach Basel zurückkehrt, hat sich die Stadt verändert. Es tobt der Bildersturm der Reformation, auf dem Marktplatz brennen Scheiterhaufen, auch Bilder von Holbein gehen in Flammen auf. Nur wenige Werke der späten Basler Zeit sind daher erhalten, hauptsächlich weltliche Themen: Gewandstudien Basler Bürgerinnen oder Entwürfe für ein Wandgemälde im Großratssaal. Das eindrucksvollste Zeugnis dieser Phase ist das Porträt seiner Familie, der Ehefrau Elsbeth und der beiden Kinder Philipp und Katharina. Eine unglückliche Familie: die Frau verhärmt, die Kinder blass und verschnupft. Vielleicht hat sich der Maler ursprünglich selbst mit abgebildet, die Bildkomposition spricht dafür.

1532 wechselt Holbein endgültig nach London und lässt die Familie zurück. Selbst eine Pension von 30 Gulden, die ihm der Basler Rat aussetzt, lockt ihn nicht zurück. Noch einmal, 1538, kehrt er auf Besuch in Basel ein, während einer Brautschaureise für den englischen König, der Rat der Stadt erhöht die Pension. Doch Holbein stirbt 1543 in London. Seine Frau hatte, um die Familie zu ernähren, bereits begonnen, seine Werke zu verkaufen.

Kunstmuseum Basel, bis 2. Juli. Katalog (Prestel Verlag) 50 Euro.

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