Strindbergs "Traumspiel" : Alles im Wunderland

Hier ist die Hauptstadt: Barrie Kosky inszeniert Strindbergs „Traumspiel“ im Berghain-Club.

Andreas Schäfer
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Toller Trip. Agnes (Stefanie Eidt) mit dem ägyptischen Tortengott Anubis. -Foto: Iko Freese

Man fühlt sich an die guten alten neunziger Jahre erinnert, als das Theaterberlin noch im Werden begriffen war und das Provisorische der Räumlichkeit einem Aufbruchsgeist auf den Brettern entsprach; als ein gewisser Thomas Ostermeier in der Baracke hinterm Deutschen Theater neue englische Stücke zeigte; als ein gewisser Christoph Schlingensief wie ein Rumpelstilzchen durch einen Bunker namens Volksbühne tobte und okkulte Beschwörungen abhielt, die einem Augen und Ohren öffneten. Dieser Geist ist wieder da, als man im tiefsten Friedrichshain im Dunkeln über eine Brache auf ein ehemaliges E-Werk zuschreitet, begrüßt von kleinen Fackeln, die zuseiten des gefrorenen Weges altberlinisch vor sich lodern.

Im Deutschen Theater wird renoviert, und deshalb ereignet sich heute die Premiere von Strindbergs „Ein Traumspiel“ in einem der angesagtesten Clubs der Stadt, dem Berghain. Die Premierengesellschaft im Foyer ist ganz enthusiastisch von so viel Industrieanmutung. Von ungeheuerlichen Parties, die hier sonst stattfänden, wird geraunt. Mittenmang Klaus Wowereit, der in die Kameras strahlt, stolz auf sein hippes Berlin.

Dass dies keine sentimentale Gedenkveranstaltung ist, sondern möglicherweise der zaghaft suchende Ausdruck einer neuen Theaterzeit, ahnt man zwei bewegende, unterhaltsame, verblüffende und zwischendurch quälend alberne Stunden später. Barrie Kosky, auch ein Mann der Oper und also solcher Intendant der Komischen Oper ab 2012, inszeniert Strindbergs stark gekürzten Szenensteinbruch aus dem Jahr 1902, in dem Indras Tochter, ein göttliches Wesen, auf die Erde kommt und in lose miteinander verbundenen Episoden lernt, dass hier ihre „hellen Gedanken“ an die „Labyrinth-Windungen des Gehirns“ gebunden sind. „Du weißt ja, wie ein Gehirn aussieht – diese Krummwege, diese Schleichwege – boshaft, immer boshaft, aber so seid ihr alle!“, so Agnes’ nüchternes Resümee, nachdem sie einige Zeit an der Seite eines Offiziers (auf der Suche nach seiner Geliebten), eines Advokaten (in Arbeit ertrinkend) und eines Dichters (von einer besseren Welt träumend) verbracht hat.

Kosky führt diesen phantastischen Ausflug eines Mädchens nicht nur in einer mehrstöckigen Halle auf, vor und zwischen beeindruckenden Betonsäulen, sondern auch unter reger Teilnahme des Vocalconsorts Berlin, dem auf Barockmusik spezialisierten Ensemble, das seit zwei Jahren im Radialsystem mit Sasha Waltz an der Verschränkung von zeitgenössischem Tanz und Alter Musik arbeitet. Spielerisch verwebt Kosky Feines und Grobes, mischt opernhafte Statuarik mit einfühlsamster Sprechtheaterstille. Wie einfach das mitunter geht, zeigt der Anfang: Weißgeschminkte Sänger tauchen wie Gespenster an unterschiedlichen Orten der Halle auf und stimmen das melancholische „Come, heavy sleep“ von John Dowland aus dem Jahr 1597 an, begleitet von der dreiköpfigen Barockcombo (Andreas Arend, Patrick Sepec und Sebastian Glöckner), während langsam das Licht ausgeht und die melancholischen Klänge sich im Dunklen wie ein zweiter, unsichtbarer Raum im hohen Kubus entfalten – jäh unterbrochen von metallischen Schlägen. Wie ein autistisches Kind drischt Horst Lebinsky ein Schwert gegen die Wand. Lebinsky ist der Offizier und trotz seiner 50 Jahre ein kleiner Junge, der gleich auf den Schoß seiner Mutter springt (Lotte Ohm), obwohl die seit zehn Jahren tot ist. Aber „Zeit und Raum existieren nicht“, wie Strindberg im Vorwort schreibt. „Alles kann geschehen, alles ist möglich“. Und deshalb kann der Chor, nun im japanischen Geisha-Ornat, auch ein bisschen aus „Madame Butterfly“ singen. Weil alles möglich ist, kann auch regelmäßig ein Telefon klingeln wie bei Hitchcock oder von einer ominösen, ewig verschlossenen Tür die Rede sein wie in Kafkas Schloss. Zarte klangliche Traumbilduntermalung bei regelmäßigem Konstümwechsel vor trashigem Hintergrund, während Stefanie Eidt als Agnes mit großen Augen wie eine Stummfilmdiva staunt. Ist das alles?

Nach dem starken Anfang droht der Abend als Kostümorgie mit albernen Opernzitaten zu versanden – bis schließlich Sven Lehmann auf der Bühne sitzt und die Atmosphäre schlagartig mit existentieller Dichte anreichert. Lehmann ist der Advokat. Arm, überarbeitet, das Leid der Welt tragend. Lehmann gibt ihn mit geduckter Kraft. Selbstquälerisch nach innen, streng nach außen kämpft er sich eine moralische Haltung zurecht, die am liebsten wieder zusammenbrechen würde. Jetzt staunt Stephanie Eidt nicht mehr, sondern schaut tief wie eine Liebende. Für diesen Mann will sie ihre göttliche Freiheit opfern – verflucht ihren Schritt freilich wieder, weil sie das Kindergeschrei und den Schmutz in der winzigen Wohnung nicht aushält.

Koskys Zugriff ist gewöhnungsbedürftig. Weil er gar keiner ist. Kosky zeigt eine leichte Hand, hat aber keine Handschrift nötig. Man sucht instinktiv nach der Mitte der Inszenierung, ihrer Idee. Aber da ist keine. Dafür schlägt ein lebenskluges Herz, dessen Genauigkeit die disparaten Einfälle immer anrührender zu einem Requiem auf den Traum vom glücklichen Leben zu binden vermag.

Am Ende ihrer Menschheitsreise begegnet der Engel Agnes dem Dichter: Ernst Stötzner im Smoking, wunderbar gelangweilt den Lehm der Schöpfung an die Wände schmierend. Stötzner tanzt und darf, wie alle Schauspieler vor ihm, singen: „Did you ever see a dreamwalking.“ Seine Illusionslosigkeit hat ihn diabolisch gemacht. „Sag mir doch, ehe du gehst: Worunter hast du am meisten gelitten, hier bei uns?“ Und Agnes: „Jetzt weiß ich, wie es ist. Man möchte gehen und man möchte bleiben.“ Das Publikum tobt. Und Wowereit schreitet glücklich auf die Kamera zu, die vor der Tür gewartet hatte.

Alle Vorstellungen sind ausverkauft.

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