Kultur : Striptease

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MUSIKZIMMER

Diedrich Diederichsen über die Botschaft von Plattencovern und Comics

Das jeweilige Lebensgefühl einer neuen, aufregenden Popmusik war für die Mehrheit der wirklichen Fans immer ein bisschen erklärungsbedürftig; denn die sitzen in der Regel in der Provinz. Die Musik kommt Jahre eher als neue Lebensstile gelebt werden können. Die Musik verspricht, aber sie wird nicht genau genug. Deshalb waren gerade Provinzler auf die Deutlichkeit anderer Quellen angewiesen. Das illustrative Plattencover war willkommen, als verschwommene Meditationsvorlage ebenso wie als Konkretisierung urbaner Eleganz oder als Schilderung orgiastischer, anarchischer Lebensformen.

Insbesondere eine Gattung, die ComicIllustration von Milieu und Umgebung nämlich, war beliebt, wenn es um eine Musik ging, deren Selbstverständnis von Erzählungen abhängig war. Von Robert Crumbs Illustrationen für Big Brother & The Holding Company (Janis Joplins erster Band) über Rick Griffins psychedelisch-politische Comic-Cover für Steppenwolf und Grateful Dead bis zu dem legendären Strip von einem ominösen Peter Pontiac, der den bestverkauften Bootleg der Siebziger, Bob Dylans „Little White Wonder“ zierte.

In der Punk-Phase brachte die Illustration richtige Berühmtheiten hervor. Raymond Pettibone gestaltete Cover von Bands wie Black Flag, Minutemen und Meat Puppets, bevor er ein Star der internationalen Kunstszene wurde. Matt Groening illustrierte eine Fanzine-artige Musik-Regionalzeitung, bevor er die Simpsons und „Life In Hell“ erfand. Und in den späten Achtzigern tauchte in Deutschland ein Amerikaner auf, der Rockbands nachreiste und seine Tournee-Strips an Label und Zeitschriften verkaufte: Joe Sacco hat später andere Reisen unternommen und wird heute für seine so schockierenden wie überlegten Comic-Reportagen der Balkan-Kriege geschätzt. Oft gingen während der Neunzigerjahre die spezifisch narrativen und grafisch dekorativen Eigenschaften von Comic-bezogener Illustration ineinander über. Das ist nur logisch bei einer digitalen Musik, die sich den angewandten Künsten, dem Design und dem Layout verpflichtet fühlte. Doch wann immer eine Musik etwas zu erzählen hatte, tauchte auch der Strip auf und verhalf zu all den typisch provinziellen, doch dafür umso tieferen, epiphanischen Erlebnissen, die immer wieder irgendwelche Biografien einleiten.

Seit fast einen Jahr erscheint in der Wochenzeitschrift Jungle World der großartige Strip Bigbeatland von Andreas Michalke. Obwohl sich „taz“ und „FAZ“ noch „touché“ und „Strizz“ leisten, ist die Jungle-World die einzige politische Publikation, die wöchentlich eine ganze Seite Strips liefert. Davon handelt mindestens einer von Musik. Vielleicht sind heutzutage die Versprechen der Musik selbst deutlich auf ein pragmatisch melancholischeres Maß heruntergeschrumpft. Michalke schildert jene heutzutage nicht mehr allzu große Welt, in der sich Politisierung und Musik überschneiden – und ständig gegenseitig bekämpfen: Die deutsch-irakische Moderatorin Sandra ist mit einem charismatisch-dogmatischen Subcomandante liiert, dessen Szene sie als Medientussi verachtet. Ihr größter Fehler war es, vom eigenen Mediengeld eine Putzfrau für die WG anzuheuern. Das Kerngebiet aller Konflikte ist ein freies Radio, bei dem politisierte Pop-Leute für die nur Politisierten die Musik zusammenstellen und moderieren und unter dem ständigen Druck stehen, für nicht politisch genug befunden zu werden. Verzweiflungstaten folgen.

Reale Ereignisse werden wie bei einem Doonesbury für Pop-Linke ständig eingeblendet (von den Repressalien gegen das Hamburger Freie Radio FSK bis zum Irak-Krieg). Schließlich geht erst ein Musiker-Duo zu Promo-Zwecken zum Videodreh nach Bagdad, dann folgt Moderatorin Sandra ihnen nach, um ihrerseits Credibility zu erwirtschaften, und wird schwer verwundet. Nun trauert der sonst so steinerne Subcomandante doch um sie und reist ihr heimlich nach. Letzte Woche lag sie noch im Koma, sprach nur noch arabisch und konnte nach Auskunft des irakischen Krankenhauspersonals an ihre deutsche Soli-Gruppe nur von einem Schock geweckt werden.

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