''Strobo''-Show : Fuck it, wir sind jung

Ahnherr von "Axolotl-Roadkill": Im WMF wird gefeiert – ein neuer Roman des Bloggers Airen.

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In Stroboskoplichtgewittern. Berliner Technoparty. -Foto: David Heerde/Imago

Der junge Mann, den alle Welt nach der „Axolotl-Roadkill“-Debatte nur unter dem Pseudonym Airen kennt, ist nicht da. Zumindest steht er nicht auf der Bühne des WMFs in Berlin-Mitte, wo an diesem Freitagabend die „Strobo“-Show zu hören und zu sehen ist. Vielleicht sitzt Airen ja im gut dreihundert Menschen zählenden Publikum, doch möchte er anonym bleiben, wie Deef Pirmasens am Anfang der Show sagt. Pirmasens ist ein Blogger-Kollege von Airen, stammt aus Berlin-Zehlendorf, lebt in München und trägt eine schwarzumrandete Brille, einen Bart, längere schwarze Haare und unter einem Second-Hand-Sakko ein grünblaues T-Shirt mit einem Smiley vorne drauf. Pirmasens hat die Plagiatsdebatte über Hegemanns Roman „Axolotl Roadkill“ entfacht, nachdem er nach der Lektüre des Romans merkwürdig viele Übereinstimmungen mit „Strobo“ festgestellt hatte.

Pirmasens hält zunächst eine lange Liste mit den Stellen aus „Strobo“ hoch, die Hegemann übernommen oder abgewandelt hat. Dann wirft er sie lässig auf den Boden und sagt: „Insofern ist das heute Abend auch eine Axolotl-Roadkill-Lesung“. Damit aber sind der Verweise auf Hegemann, ihr Buch und die Debatte genug, danach geht es mitten rein in eine komplett verstrahlte Techno- und Drogenwelt. Pirmasens beginnt mit dem Airen-Porträt eines Bloggers namens Bomec, „der Club der virtuellen Dichter“ heißt es, mit dem „Strobo“ auch endet. Dazu laufen im Hintergrund Videos, die das Gelesene illustrieren, sowie Musik: Techno, mal härter, mal mehr zum Chillen, Pfeife rauchen und Schmusen. Die Mischung stimmt, oft bilden Bilder, Sounds und Prosa eine passende Einheit, und Deef Pirmasens bringt Airens Techno-Prosa zuweilen hübsch zum Funkeln. Man hört durchaus gebannt zu. Vergleicht man die „Strobo“-Lektüre mit dieser Show, dann eignet sich Airens Prosa gut zum Vorlesen. Seine Texte entfalten ähnlich wie die einschlägiger Lesebühnenautoren auf der Bühne ihre eigene Dynamik, in einem ganzen Buch aber wirken sie irgendwann ermüdend.

„Strobo“ (Verlag sukultur, Berlin 2009, 169 Seiten, 17 €) ist eine Aneinanderreihung von Szenen aus dem Leben eines Mittzwanzigers in Berlin: Dieses wird bestimmt von Drogen aller Art, Airen lässt wirklich nichts aus, keinen Alkohol, kein Heroin, kein Speed, kein nichts. Von Sex aller Art, mehr noch mit Männern als mit Frauen, gerade im Berghain, der Besuch einiger Bordelle inklusive. Und Airens Dasein wird bestimmt von Clubs und Bars aller Art, nicht nur dem Berghain, sondern auch dem Tresor, dem Cassiopeia, dem Watergate und selbst der altehrwürdigen Kreuzberger Junction Bar. Dazu kommt, das aber nur am Rande, Airens Unter-der-Woche-Trott in dem Büro einer Unternehmensberatung: „Mal rein realistisch, es wird mich wahrscheinlich einen riesen Haufen Kraft und Überwindung kosten, am Montag aufzustehen und alles gebacken zu kriegen; aber fuck it, ich bin jung, das muss gehen, das haben schon andere geschafft.“

Er schafft es, bei dem beschriebenen Drogenkonsum tatsächlich ein Wunder, wenn auch manchmal zu spät, „phetaminverkrampft“ oder mit riesigen Pupillen. Zwischen all den Exzessen schimmert durch, dass „Strobo“ auch das Buch einer Selbstfindung sein soll. Es gibt kurze Reflexionen darüber, wie es in der Arbeitswelt zugeht, „die bestmögliche Anpassung, ein Minimum an riskantem Individualismus.“ Es gibt Phasen des Selbstmitleids: „Tatsächlich kotzt mich die ganze Scheiße an, mich eingeschlossen. Das Suchen. Die Sucht. Der Sex oder seine Abwesenheit“. Und es gibt Hinweise darauf, dass Airen all das Erlebte im Berghain oder am Kottbusser Tor sofort aufschreibt, in seinen Blog stellt und er einem Vorbild nacheifert: Rainald Goetz.

Dessen Buch „Rave“ hat Airen viele Male gelesen und bei der Lektüre über das eigene Schreiben sinniert: „Entweder du schreibst richtig, nur noch, oder du lässt es. Du lässt es. Oder schreibst nur noch. Das ist noch so ein langer Weg.“ Rainald Goetz ist an diesem Abend ins WMF gekommen, genauso übrigens wie der Techno-Roman-Autor Rainer Schmidt. Goetz verschwindet allerdings eiligst, als der Jung-Schauspieler Tom Schilling aus dem „Strobo“-Nachfolger „I Am Airen Man“ liest, der Ende März erscheint. Die Passagen darin klingen gemäßigter, weniger krass, weniger atemlos, straffer lektoriert. Und sie gewinnen an Farbe allein durch den Schauplatz Mexiko. Drogen gibt es natürlich auch hier, „klar freue ich mich auf das Discountkoksen, ein schöner Nebeneffekt“, genauso Transen, Prostituierte, Bars und Clubs. Vor allem geht es Airen jetzt darum, „mein eigenes Projekt zu managen“, vielleicht gar einen Erziehungsroman zu schreiben. Die Vermarktung seiner Bücher, die Lesungen daraus, die Interviews dazu, dieses Projekt, ein Leben als Schriftsteller, lässt Airen aber lieber von anderen managen. „Strobo“ ist ein Szenebuch, das von einem unbedingten Authentizitätswillen dominiert wird, davon, Geschichten nicht nur zu schreiben, sondern erlebt zu haben.

Trotz seines Szene-Jargons ist es genauso gut geschrieben wie andere deutschsprachige Romane, die in etablierten Verlagen erschienen sind und bestimmte Szenen porträtieren, wie eben Rainer Schmidts Technoroman „Liebestänze“. Oder Andreas Bernards „Vorn“, in dessen Mittelpunkt die einstige „Süddeutsche-Zeitungs“-Jugendbeilage „Jetzt“ und ihre Mitarbeiter stehen.

Dass „Strobo“ eine sehr junge Frau besonders interessiert und begeistert hat, ist in den letzten Wochen ausgiebigst diskutiert worden. Airen hielt sich dabei mit Vorwürfen in Richtung Hegemann zurück und äußerte gar, „Axolotl Roadkill“ trotz der „Strobo“-Kopiererei gern gelesen zu haben. Dass er in seinem Buch den Tresor in der Köpenicker Straße als „gewöhnliche Großraumdisco“ und „totalen kack Prolo-Schuppen“ bezeichnet, ist wohl eher ein wunderbarer Zufall – in eben jenem Tresor hat Helene Hegemann neulich ihren 18. Geburtstag gefeiert.

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