Kultur : Strömen, staunen, zahlen

Klassiker der Zukunft: Die Londoner Auktionswoche bestätigt mit Rekordpreisen den Trend zur Gegenwartskunst

Matthias Thibaut

Zum ersten Mal öffnete Sotheby’s in einer Londoner Contemporary-Auktion die Trennwand zum Nebenraum aber auch der vergrößerte Saal war bis zum letzten Platz gefüllt. Die In-Crowd strömt, staunt und zahlt, was es kostet. 14,7 Millionen Pfund waren es am Ende – die höchste Einnahme einer Londoner Contemporary-Auktion. Die Gesamtschätzung wurde übertroffen, Rückgänge von nur fünf Prozent: Mit einem Wort, Schwächen waren kaum zu entdecken.

Der Lauf der Zeitgenossen hatte bereits am Tag zuvor bei Christie’s mit einem Paukenschlag begonnen. Franz Ackermanns buntes Riesenformat „Mental Map: Evasion III“ mit grauen Berliner Gedächtnisspuren kam als erstes Los auf den Block. Mit 35000 bis 45000 Pfund bereits auf dem Niveau des Galeriepreises ausgezeichnet, wurde das 1996 entstandene Werk von zwei Telefonbietern bis zu einem Preis von 115000 Pfund (168300 Euro) hoch gesteigert. Der Run auf das, was die Kenner für die Klassiker der Zukunft halten, beginnt früher und heftiger denn je. Zugrunde liegt die Überzeugung der Sammler, dass die Hochpreise für die aktuellste Kunst für die Dauer bestimmt sind.

Vieles von dem was man sah, stützt diesen Glauben. Sotheby’s erzielte für einen Bacon aus der späteren „Papst“-Serie von 1961 trotz abschätziger Kommentare des Handels 2,8 Millionen Pfund. Enthusiastischer wurde bei Christie’s um die „Factory in North London“ aus der kleinen Gruppe von Lucian Freuds frühen Stadtlandschaften gekämpft – bis zu einem Preis von 2,07 Millionen Pfund. Sotheby’s erzielte mit 688800 Pfund (1,01 Millionen Euro) den höchsten Preis für eines der allgegenwärtigen Schlitz-Concetti von Fontana und bei Christie’s brachte der nie aus der Künstlerbox herausgenommene Satz von Warhols „Marilyn“-Siebdrucken einen Höchstpreis: 430850 Pfund (630335 Euro).

Wer gestern in den Schlagzeilen war, verdoppelt heute den Preis. Eine Vase des Turner-Preisträgers Grayson Perry brachte 38000 Pfund – seine Londoner Galerie Victoria Miro verlangte bisher 15000 Pfund. Selbst Modekünstler wie der Japaner Takashi Murakami können offenbar nichts falsch machen – auch ein fahles Werk wie „Pink Summer“ brachte spielend die verlangten 117600 Pfund. Auch die Preise von Marlene Dumas, deren süffige Malerei vor zwei Jahren den Zweitverwertungsmarkt erreichte, schrauben sich weiter nach oben: Ein Kinderakt aus der Ausstellung „Give the people what they want“ von 1993 konnte mit 151200 Pfund seine Taxe verdoppeln.

Aber das Neueste verdrängt das Bekannte. Fotokunst ist nach drei Jahren hektischer Preissteigerungen mit einem Schlag aus den Prestigeauktionen verschwunden. Selbst von Gerhard Richter, noch vor zwei Jahren ein König des Marktes, fand nur eines von drei Bildern einen Käufer. Spanische Kunst setzt, angetrieben von wachsendem spanischen Wohlstand, ihren Vormarsch fort – aber bei den vielen mittelmäßigen Miquel Barcelós wird nun strengstens gesiebt. Nicolas de Stael war massenhaft im Angebot, nachdem Christie’s im vergangenen Jahr einen Rekordpreis erzielte. Nun brachte „Méditerrannée“ bei Sotheby’s den nächsten Rekordpreis von 1,29 Millionen Pfund. Aber begehrt sind nur die späten Werke, die durch die Abstraktion noch die Landschaft und Architektur ahnen lassen.

Da es bei den Auktionen „Imressionism & Modern“ an bedeutenden Bilder der „Brücke“-Maler fehlt, sollten zwei fröhliche Feininger Straßenszenen die Stars werden. Beide Auktionshäuser wählten sie für ihre Katalogumschläge. Aber der Markt lässt sich nicht zwingen. Mangels der für den Markt bestimmenden amerikanischen Unterstützung wurden beide unter Taxe in europäische Sammlungen verkauft – „Diabolospieler I“ von 1909 für 1,61 Millionen Euro, die „Zeitungsleser“ bei Christie’s für 3,06 Millionen Euro ein – wenn auch knapper – Rekord. Stark wurde die Beckmanngruppe der deutschen Sammlung Reinold geboten – „Frau mit Blumen“ etwa konnte mit 1,51 Millionen Pfund die Taxe verdoppeln. Sotheby’s Spitzenreiter waren Schieles auf Packpapier gemaltes „Mädchen mit grüner Schürze“ (1,51 Millionen Pfund) und ein später, expressiver Walchensee von Lovis Corinth mit dem Rekordpreis von 812000 Pfund.

Die klassischen Impressionisten zeigen aber, dass Ewigkeitswerte nicht garantiert sind. Millionenwerke von Modigliani, Delaunay, Vlaminck und Matisse gehörten zu den Rückläufern, weil sie nicht marktfrisch und zu teuer waren. Vielleicht kann Sotheby’s bald schon, wenn Impressionisten verkauft werden, die Trennwand zum Nebensaal schließen.

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