Kultur : Strohhalme der Solidarität

Eine Videoperformance von „De Warme Winkel“.

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Die niederländischen Performer sind nur per Video ins HAU geschaltet. Aber das hat einen guten Grund. Statt ihre europäischen Fördergelder für Flugtickets, Verpflegung, Anrufe nach Hause und was sonst noch auf Reisen anfällt, zu verschleudern, wollen sie die wertvollen Kulturmittel lieber in Berliner Talente investieren. Motto: „Lokal ist das neue global“. Weswegen nun in einem Glas auf der Bühne die pro Vorstellung eingesparten 6975 Euro als Gage für die Nachwuchs-Avantgarde an der Spree bereitstehen. So viel kritisch-ökonomisches Bewusstsein ist selten in der Freien Szene! Von Kollegialität ganz zu schweigen. „De Warme Winkel“ nennt sich das niederländische Kollektiv, das in seiner programmatisch betitelten Performance „We are your friends“ die Grenzen innereuropäischer Solidarität auslotet. Eine schöne Entdeckung von HAU-Chefin Annemie Vanackere, diese Truppe, die im vergangenen Jahr schon mit ihrer Krisenkomödie „San Francisco“ in Berlin gastierte.

In „We are your friends“ nun treiben die Künstler ein so kurzweiliges wie hintersinnig-perfides Spiel mit der Behauptung von Gemeinschaft. Ein als UdK-Absolvent präsentierter Andreas darf sich 150 Euro aus dem Geldglas fischen, muss sich dafür aber unter gestrenger Anleitung aus dem Video-Off nackt ausziehen und mit einem Schwanz aus acht zusammengesteckten Strohhalmen im Hintern den Walkürenritt posaunen. Wahrhaftig ein stimmiges Bild für Selbstausbeutungsverhältnisse. Ein Choreograf namens Hans-Kristian Schmetterling ermöglicht „eine echte Begegnung“ – mit einem verquasten Prätentions-Tanz für drei Solisten im Rampenlicht. Und zwei Roma aus Pristina ziehen durch die Reihen, um Plastikblumen für fünf Euro das Stück zu verkaufen und hernach ein bisschen technisches Equipment von der Bühne mitgehen zu lassen. Klar ist das alles von vorn bis hinten munterer Fake. Aber die Fragen nach Solidarität, die dabei aufgeworfen werden und mit denen „De Warme Winkel“ auch auf sich selbst zielt, sind sehr real und drängend. Patrick Wildermann

wieder 24.11., 17 Uhr, HAU 3

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