Kultur : Strom der Gegenwart

HANS-JÖRG ROTHER

Wer von der Arbeitswelt ausgespuckt wird, muß sich etwas einfallen lassen.Simon Beaufoy, dessen Buch zu Peter Cattaneos "Ganz und gar nicht" eine Oscar-Nominierung erhielt, kann sich noch gut an die Climber-Seilschaften erinnern, die auf den Felsen um Sheffield, der toten Hochburg des englischen Stahls, einen Ausgleich für die trübsinnige Suche nach schlecht bezahlter Arbeit fanden.Aus dem selbsterlebten Stoff ist die Geschichte von "Among Giants" gemacht, die Beaufoy noch vor "Ganz und gar nicht", schrieb - und die nun Sam Miller zu einem beachtenswerten Regiedebüt verhalf.Ursprünglich wollte der Autor einen Dokumentarfilm über Bergsteiger drehen, die sich - unter Tarif und ohne Versicherung - als Anstreicher von Hochleitungsmasten ihr Brot verdienen.Da aber keiner von ihnen Lust zeigte, sich selbst als Schwarzarbeiter bloßzustellen, blieb ihm nur, die realen Rollen in fiktive zu verwandeln.Kein Geringerer als Pete Postlethwaite, der unter anderem bei Jim Sheridan, Mark Herman und Steven Spielberg reüssierte, sollte an die Spitze der Darstellercrew treten: ein Mann mit einem etwas schiefen Gesicht, dem man den proletarischen Typ mit unglücklicher Vita, Neigung zum Jähzorn und sentimentaler Stimmung gern abnimmt.

Sein Ray hat fünf Kletterfreunde zusammengetrommelt, um mit ihnen einen Sommer lang, quer über Wiesen und Sümpfe, für angeblich gutes, in Wahrheit nur zögernd fließendes Geld fünfzehn Meilen lang Hochspannungsmasten anzustreichen.Erst müssen es zwei, dann drei dieser himmelhohen Konstruktionen pro Tag sein, und beim letzten Mast haben alle Mühe, vor den vorschnell wieder knisternden Leitungen lebend davonzukommen.Die Arbeit gerät ein bißchen durcheinander, als die australische Tramperin Gerry (Rachel Griffiths) mit ihrer Kletterkunst den spröden Ray verblüfft.Unter dem warmen Wasser eines Kühlturmes haben er und die Globetrotterin ihr Adam-und-Eva-Erlebnis - vielleicht die schönste Szene des Films.Schon pinseln die anderen einen Mast als Verlobungsgabe rosarot an, da besinnt Gerry sich auf ihren Unabhängigkeitsdrang, fällt Ray in die Machomanier zurück und steigt Steve (James Thornton), Rays junger Freund und heimlicher Nebenbuhler, aus, um in die Ferne zu ziehen.

So ist es für alle das Beste, auch für die Geschichte, die diese eher knapp skizzierte als ausgelotete Liebesstory zur Belebung brauchte."Among Giants" verlängert die lange Reihe der britischen Milieufilme, um mit romantischen Mitteln ein Zeichen gegen die Mutlosigkeit zu setzen."In Wahrheit sind die Charaktere des Films die Giganten", bekennt der Regisseur, der wie auf der Leinwand ein wenig zur Übertreibung neigt.Die Figuren haben ihre Wurzeln in der Region, nur Gerry wirkt ausgedacht, und man freut sich, daß der längst nicht mehr auf Großbritannien beschränkte Thatcherismus ihnen den Lebensmut nicht rauben konnte.Im Gegensatz zu Ken Loach strebt die Darstellung der Verlierer in schwindelerregende Höhen.Die Kamera des Polen Witold Stok, der an frühen Filmen von Kieslowski beteiligt war, trägt durch ihre Rundumflüge mit dem Heliokopter wesentlich zum verträumten Stil von "Among Giants" bei: Einem Vogel gleich scheint sie durch die Lüfte zu gleiten und die kleinen Menschen zu einer abgehobenen Position, von der aus auch das darniederliegende Sheffield eine bildmächtige Verklärung erfährt, emporzuziehen.Volltönende Musik verstärkt den Aufwind.

Die authentische Substanz des Films ist im Grunde nicht groß: der Blick auf die billigen Reihenhäuser, wo Rays Ex-Frau Lyn (Sharon Bower) mit den Kindern allein und verbittert wohnt, die verrotteten Wände der Unterkunft des innerlich einsamen Ray oder Steves Wohnung, in der Gerry für eine Nacht auftaucht.In Wahrheit profitieren die Leute noch immer von der Urbanität der zwanziger Jahre, während der Megastrom der Gegenwart für andere Besteller und Gewinner über ihre Köpfe hinweggeht.

In Berlin in Lupe 2, Alhambra Too und Moviemento (hier auch Originalversion)

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