Kultur : Strudel der Erinnerung

Irène Némirovskys Roman „Leidenschaft“

Juliane Primus

Wehmütiger alter Mann. Missmutig denkt er an seine Jugend, als kenne das Alter keine Freuden. „Wozu brauchst du Wärme, du alter Knabe mit dem trockenen Herzen?“, fragt sich Silvio, der den trennenden Wald zwischen sich und dem Dorf mehr liebt als jede Menschenseele. Die Frau, die er einmal geliebt hat, will er nicht mehr erkennen. Er sieht allein die welke Haut einer Hausfrau, die ein paar Kilo zu viel auf den Rippen hat. Nicht die 20-Jährige, mit der er ein Geheimnis teilt. Aus Silvio, dem fiebrig Liebenden, ist ein alter, gefühlskalter Waldmensch geworden.

In Irène Némirovskys Roman „Leidenschaft“ fliegen die Jahreszeiten und mit ihnen die Jahre davon. Manchmal, bei einer Hochzeit, bei Todesfällen, lichten sich die Blätter von Silvios waldiger Pufferzone wie ein Vorhang und lassen die Gegenwart zum Vorschein kommen. Diese führt Silvio zu anderen Bewohnern des Dorfes. „Hopp, plötzlich sind sie wieder da, und wie viele Erinnerungen gehen mit ihnen in den Strudel, den sie verursachen! Dann tauchen sie wieder ab und sind für zehn Jahre vergessen.“

Vergessen die eigenen Fehltritte, vergessen die Lügen, auf denen das eigene Eheglück aufbaut. Den Kindern werden Geschichten aufgetischt, die sich nett anhören und die Bilder einer ewig harmonischen Familie entstehen lassen. Glücklich der, dessen Geheimnisse die Toten mit ins Grab nehmen. Doch Némirovsky kommt dem dazwischen: Schicht um Schicht trägt sie die Geschichten ab, in die Silvio sich selbst und all die Menschen aus seiner Vergangenheit hüllt. Die Zerbrechlichkeit des Glücks aber ist zeitlos. Mit jeder Seite nähert sich der Leser des Rätsels Lösung, nach und nach verschwindet der Riss zwischen den Generationen – doch nur in den Augen des Lesers. Das letzte Puzzleteil verändert das gesamte Bild, die Idylle ist dahin.

Irène Némirovsky wollte, so notierte sie in ihrem Tagebuch, über die Strenge und Bigotterie der Elterngeneration schreiben. Sechzig Jahre blieb ihr Werk unentdeckt. Der Roman „Leidenschaft“ (im Original: „Chaleur du sang“) gehört wie „Suite francaise“, womit Némirovsky 2006 erfolgreich wiederentdeckt wurde, zum posthumen Vermächtnis der Schriftstellerin, die 1942 in Auschwitz starb. Auch sechzig Jahre später schockiert das aufgedeckte Geheimnis beim Blick hinter die kontrollierte Miene des alten Silvio. Und es verleitet dazu, den eigenen Eltern einmal tief in die Augen zu schauen.Juliane Primus

Irène Némirovsky: Leidenschaft. Roman. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Knaus Verlag, München 2009. 128 Seiten, 15,40 €.

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