Kultur : Strumpfband

Andreas Austilat

Worüber sprach man wohl, wenn man bei Kant zu Tisch saß? Über den kategorischen Imperativ? Oder über die Kritik der praktischen Vernunft? Nun, mindestens genauso gern verbreitete sich der Königsberger Geistesriese über vergleichsweise profane Dinge, das Wetter zum Beispiel oder die Vorzüge der Nasenatmung.

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Solche intime Kenntnis verdankt die Nachwelt einem, der dabei gewesen ist: Ehregott Andreas Christian Wasianski, ehemaliger Kant-Schüler, begleitetete seinen Meister in dessen letzten zehn Jahren, war ihm Gesprächspartner, Vermögensverwalter, schließlich Altenpfleger und schrieb alles auf: Kants Kampf mit den Seidenstrümpfen, den Ärger über den Nachbarn, wenn dessen Pappel die geliebte Aussicht versperrt und das unbedingte Festhalten an 23,8 Grad Celsius in der guten Stube. „Zuhaus bei Kant“ ist ein Reprint aus dem Jahr 1804, dabei eine Art Homestory aus dem späten 18. Jahrhundert, ein mitunter anrührender Bericht vom Leiden und schließlich Sterben des 80-Jährigen, voller Anteilnahme und Bewunderung für den damals schon gefeierten Philosophen.

Wasianski war nur einer von drei zeitgenössischen Biografen, wenngleich vielleicht der, der am dichtesten dran war. Ein Problem aber teilt er mit seinen Kollegen: Sie alle sind Chronisten der letzten zehn Jahre, der Leser erlebt einen ein wenig tütteligen Philosophen mit eingefahrenen Gewohnheiten. Und es ist schon reichlich darüber gestritten worden, ob man daraus auf den ganzen Kant schließen dürfe. Wer also auch mal was vom jungen Kant lesen will, der sollte lieber zu ungleich dickerer Lektüre greifen: Manfred Kühns vor zwei Jahren erschienene Biografie aus dem Verlag C. H. Beck. Allen anderen haben hier das Vergnügen einer authentischen Zeitreise.

E. A.C. Wasianski: Zuhaus bei Kant, Semele Verlag, Berlin. 143 Seiten, 17,90 €.

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