Studentenbewegung : Verdau' keinen über dreißig

1968 in Amerika: Die Jugend fühlt sich von der Popmusik bestätigt – und wird vom Business geschluckt.

Ed Ward
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Schweinesystem. Studentenführer im August 1968 in Chicago während des Nominierungskongresses der Demokraten - mit ihrem...Foto: Time & Life Picutres/Getty Images

Ich entdeckte ihn, als ich in der Leseecke eines französischen Buchladens saß. Zwischen einer Reihe von Anthologien und DVDs über den Sommer 1968 lag ein perfekter, handlicher Würfel, schwer, grau, beschriftet mit „Pavé 1968“: die Nachbildung eines Pflastersteins. Fasziniert hob ich ihn auf, wog ihn in der Hand und genoss die Schwere dieses niedlichen Buches. Jede seiner 24 Seiten bestand aus dickem Karton und war mit Bildern und kurzen Zitaten bedruckt. Für einen Moment erwog ich ernsthaft, es zu kaufen. Aber die Vernunft behielt Oberwasser. Ich legte es zurück. Das war nicht mein 1968. Meines war amerikanisch, nicht europäisch; kulturell, nicht politisch. Außerdem gibt es in amerikanischen Städten keine Pflastersteine.

Zum Teil wird 1968 jetzt wieder gefeiert, weil die gegenwärtige Politik so bedrückend wirkt, dass die Erinnerung an eine Zeit mit politischen und kulturellen Utopien äußerst verlockend erscheint. Dabei wurde die Situation in Amerika von einer Reihe verschiedener, kollidierender Impulse geprägt, ohne dass jemand von uns, die wir jung, leidenschaftlich – und ziemlich durcheinander – waren, das bemerkt hätte. Unbestreitbar ist: Amerika war im Vietnamkrieg stecken geblieben. Mit jedem Tag wurde er unpopulärer, zu Hause und im Ausland. Dank unserer Verfassung stand für November eine Präsidentschaftswahl an. Amtsinhaber Lyndon B. Johnson war für das Kriegsengagement verantwortlich, so dass zumindest ein Zusammenstoß leicht vorhersehbar war. Der Konflikt spitzte sich im Sommer in Chicago zu, nachdem Johnson angekündigt hatte, nicht wieder anzutreten. Als die Demokraten auf einem Parteitag einen Nachfolger finden wollten, traf sie der Zorn der Straße.

Unsere elitäre Haltung ging einher mit kulturellem Snobismus

Meine Freunde und ich waren nicht sonderlich politisch. Außer, dass wir etwas gegen den Krieg hatten und nicht eingezogen werden wollten. Als College-Studenten waren wir allerdings vom Militärdienst befreit, und, um ehrlich zu sein, wir scherten uns nicht um die Altersgenossen, die nicht so viel Glück hatten. Diese elitäre Haltung ging einher mit einem kulturellen Snobismus, mit dem auseinanderzusetzen uns ebenso wenig kümmerte. Es mag von heute aus betrachtet schwer fallen zu glauben, wie viele sich von einer Vision der Transzendenz verführen ließen, einer All-You-Need-Is- Love-Lösung, die den Gordischen Knoten des Daseins zu durchschlagen versprach. Wir rauchten Dope, nahmen LSD und wussten, dass es einen anderen Weg gab. Da musste man nur noch herausfinden, wir er beschritten werden könnte.

Was uns niemals in den Sinn kam, war, dass vielleicht viele Menschen nicht mitziehen würden. Wir fühlten uns im Recht. Erschlossen sich uns nicht jeden Tag neue Möglichkeiten? Das würden alle anderen schließlich auch kapieren.

Ich trieb mich in dem Jahr davor eine Zeitlang für „Crawdaddy!“, dem ersten „seriösen“ Rock-Magazin der USA, in San Francisco herum, besuchte die Haight-Asbury-Szene und Leute wie Luria Castell, Ellen Harmon und Stanley Mouse, die das Ganze 1965 als The Family Dog mit psychedelischen Parties ins Rollen gebracht hatten. Dort erlebte ich, dass sich die Musikszene nicht nur in Form der von mir verschlungenen Fanzines und Subkultur-Postillen in New York, San Francisco und London entwickelte, sondern auch auf den Seiten der Händlerzeitschrift „Record World“. Leidenschaftslos wurde hier über Vertragsabschlüsse und Plattenveröffentlichungen von Künstlern berichtet, die einen völlig neuen Ausdrucksstil erfanden. Dass ein neues Jimi-Hendrix-Album in jedem Plattenladen der USA zu haben war, ließ uns wie die Sieger eines Kulturkampfes aussehen. Seht Ihr? Wir hatten Recht: die großen Plattenfirmen ließen uns damit durchkommen.

Unsere Musik werden sie nicht drankriegen

Natürlich ließ man uns gewähren, um Geld zu machen. Aber oft hatten die Verantwortlichen keinen Schimmer, für was die Leute ihr Geld ausgeben würden. So konnte es passieren, dass eine großartige Band unter Vertrag genommen wurde, die nie einem Hit auch nur nahe kommen sollte. Oder es wurde dieselbe Unterstützung völligem Mist zuteil. An einem Tag konnte man sein Hirn von den Stooges plätten lassen, die Rockmusik auf ihren animalischen Kern reduzierten; oder von Insect Trust, die aus Memphis mit einem Verschnitt aus Country-Blues, altertümlicher String-Band-Musik und Free Jazz hervorgingen; oder auch von einer neuen Beatles-Single. Aber schon am nächsten Tag wurde einem der „Bosstown Sound“ angedreht, also Bands wie Ultimate Spinach oder Beacon Street Union aus Boston, die nicht mal in ihrer Heimat ein Publikum für sich einnehmen konnten, geschweige denn landesweit.

Aber noch erstaunlicher war, dass die Major-Labels in dem Bemühen, Platten zu verkaufen, die von Radiostationen nicht gespielt wurden, Werbeanzeigen in der Untergrund-Presse schalteten. Solche kleinen Zeitungen waren überall aus dem Boden geschossen. Deren Betreiber registrierten bald, dass sie eine Menge Geld für Anzeigen verlangen konnten. Berühmt wurden zwei Kampagnen von Columbia Records, die so breit gestreut wurden wie möglich. Auf der einen war ein Haufen sehr sauberer Hippies zu sehen. Sie hocken im Kreis, als würden sie einen Joint herumgehen lassen. Die Überschrift lautete: „Know Who Your Friends Are.“ Die andere Kampagne zeigte eine Gefängniszelle mit ein paar Jugendlichen. Aus unerfindlichen Gründen halten sie noch immer die Transparente hoch, die sie bei ihrer Verhaftung bei sich hatten. (Als einziges ist ein Schild zu erkennen, auf dem „Grab Hold!“ zu lesen steht – was auch immer das bedeutet.) Aber es ist die Überschrift, die das Bild unsterblich macht: „The Man Can’t Bust Our Music“ (Unsere Musik werden sie nicht drankriegen). Und um was war, das „sie“ nicht dingfest machen würden? Beworben wurde die Klassische Moderne, Terry Rileys „In C“ sowie Aufnahmen von Stockhausen, Charles Ives und Edgar Varese. Für jemanden, der annahm, dass die Klassik künftig aus einem Haufen Rocker hervorgehen würde, war ich freudig erregt.

Wir waren die Ratte und wurden von der Schlange geschluckt

Ich war außerdem verblendet. Zu meiner Verteidigung kann ich nur vorbringen, erst 19 gewesen zu sein. Genau so wie viele andere Leute – es waren mehr als jemals zuvor zur gleichen Zeit 19. Warum wir annahmen, die Kontrolle übernehmen zu können, während ein Krieg tobte, und was wir mit ihr anfangen würden, lässt sich nicht sagen. Niemand dachte so weit voraus. Es handelte sich um eine Massen-Halluzination, zu der uns die Musik verleitete. Denn sie gab uns die Bestätigung, dass unsere Crazyness in Ordnung ging. Wobei offen politische Bands nicht sonderlich gut ankamen. Es gab praktisch keine, die politische Aussagen ins Zentrum ihrer Agenda stellten. Selbst MC 5, die mit ihrem Schlachtruf „Kick Out The Jams“ zur Hausband von John Sinclairs obskurer White Panther Gruppierung avancierten und beim Nominierungskongress der Demokraten in Chicago spielten, begriffen das von Anbeginn. Als dort die Krawalle losbrachen – unsere Version der Pflastersteine –, wurde offensichtlich, wie weit wir kommen würden.

Doch Kultur breitet sich nicht von oben nach unten aus. All die Musik, von der eine grundlegende Veränderung ausgehen sollte, war im Besitz von Konzernen. Einige von ihnen, wie Elektra Records, waren nicht groß, aber groß genug. Andere wie Columbia, eine Tochter von CBS, die jene Musik verbreiteten, die „sie“ nicht verhaften konnten, waren groß genug, um die New York Yankees und eine große Anzahl Fernsehsender zu besitzen. The Beatles und Insect Trust waren bei EMI. Das Unternehmen stellte elektronische Ortungsgeräte her, die in Vietnam eingesetzt wurden. Zehn Jahre später lehrte uns Punk, wie jeder von uns ein Unternehmen werden konnte. Eigentlich ein sehr 68-mäßiger Gedanke.

1969 bildete die Generation von Amerikanern zwischen 18 und 30 Jahren ein demographisches Phänomen, das als „die Ratte in der Schlange“ bekannt wurde. Die Schlange hat die Ratte verschluckt, der Batzen windet sich durch den würgenden Schlauchkörper, während er langsam verdaut wird. Für die Schlange ist die Ratte Nahrung, es macht sie stärker. Wir wurden selbst zur Schlange, ob wir wollten oder nicht. Muss uns das bedrücken? Der Krieg in Vietnam wurde beendet, teilweise durch unsere Anstrengungen. Rock'n'Roll wurde wohl oder übel zur dominanten Sprache des Pop. Die Schlange ist vierzig Jahre älter und hat eine Menge über das Überleben gelernt. Sie ernährt sich von Mäusen und ist auch Pflastersteinen aus dem Weg gegangen. Aber sie erinnert sich noch immer an den Tag, als sie die Ratte fraß.

Der Autor wurde 1949 in Port Chester, New York, geboren und war für „Rolling Stone“, „Cream“ und andere Musikzeitschriften tätig. Er lebt seit 1992 in Berlin und berichtet u.a. für „New York Times“.

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