Studentenrevolte : Macht museal, was euch kaputt macht

"Berlin 68": Noch einmal die Jubelperser vor der Deutschen Oper, noch einmal der sterbende Benno Ohnesorg auf der Sanitätertrage. Das Stadtmuseum zeigt die Studentenrevolte von ihrer besten Seite.

Christian Schröder
1968
Frontstadt. Im West-Berlin des Jahres 1968 stießen die Ideologien hart aufeinander. -Foto: Wolfgang Ritter/Stiftung Stadtmuseum Berlin

Noch einmal die kämpferisch hochgereckten Fäuste beim Vietnam-Kongress, noch einmal Rudi Dutschkes Schuh auf dem Kurfürstendamm, eingekringelt von den Kreidestrichen der Spurensicherung. Das Achtundsechziger-Gedenkjahr ist erst halb vorbei, aber diese Bilder hat man in den letzten Monaten vielleicht doch schon ein paarmal zu oft gesehen. Vor zehn Jahren, als die letzte große Achtundsechziger-Gedenkerei mit dem rotgrünen Regierungsantritt zusammenfiel, gab es noch erregte Kontroversen. Diesmal aber sind alle Meinungsschlachten geschlagen, der Pulverdampf ist abgezogen. Die Achtundsechziger, das ist jetzt Konsens, sind ein wesentlicher Teil der deutschen Nachkriegsgeschichte. Nun kommen sie dort an, wo sie hingehören: im Museum.

„Berlin 68. Sichten einer Revolte“ heißt die Ausstellung, mit der die Stiftung Stadtmuseum in die Zeit- und Stadtgeschichte zurückblickt. Die Ausstellung findet im Ephraim-Palais statt, fernab von den Stätten der damaligen Kämpfe, die allesamt im alten West-Berlin lagen: Amerika-Haus, der Dahlemer FU-Campus, Springer-Zentrale. Aber es ist eine schöne Pointe, dass SDS-Flugblätter, Mao-Bibeln, Rudi Dutschkes Lederjacke, eine schwarze Fahne aus dem Trauerzug für Benno Ohnesorg und rund 150 weitere Devotionalien nun im prachtvollsten Rokoko-Interieur zu sehen sind, unter Stuck-Blattwerk und Kristallleuchtern, auf knarzendem Parkett. Etwas rokokohaft Verspieltes hatten die Achtundsechziger schon auch, zumindest anfangs, als es galt, die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen. Politisch mögen sie gescheitert sein, als Kulturrevolutionäre waren sie erfolgreich.

Achtundsechzig dauert in der opulent bestückten, über zwei Geschosse ausgebreiteten Ausstellung knapp drei Jahre, von den ersten Eierwürfen auf das Amerika-Haus am 5. Februar 1966 bis zur „Schlacht am Tegeler Weg“ am 4. November 1968, einem Kulminationspunkt der Gewalt. Ein Teil der Bewegung verabschiedete sich danach in die Militanz, ein anderer begab sich auf den langen Marsch durch die Instanzen. Die Schau ist um acht Berliner Ereignisse gruppiert, das gescheiterte „Puddingattentat“ auf den US-Vizepräsidenten Hubert Humphrey (ah, der Witz der Spontis!) steht neben den Osterunruhen nach den Schüssen auf Dutschke (Macht kaputt, was euch kaputt macht!) und der Verabschiedung einer drittelparitätischen Satzung am Otto-Suhr-Institut der FU (so fängt er an, der lange Weg!). Immerhin eines dieser Ereignisse passierte im Osten, der Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen im Prag des Reformsozialisten Dubcek, aber dieser Ausstellungsteil, der sich mit den Berliner Reaktionen beschäftigt, wirkt eher wie ein Feigenblatt. West-Berlin stand 1968 am Rande eines Bürgerkriegs, in Ost-Berlin zerplatzten Träume. Enttäuschte Hoffnungen sind schwer musealisierbar.

West-Berlin war die Frontstadt des Kalten Krieges, heftig prallten hier die Ideologien aufeinander. Spannend wird die Ausstellung, wenn sie beide Seiten – die alteingesessenen Insel-Berliner und die Studenten – direkt einander gegenüberstellt. Neben einem plakatgroßen Foto vom „Internationalen Vietnamkongress“ in der TU laufen „Abendschau“-Aufnahmen von der „Senatskundgebung für Frieden und Freiheit“, der Gegenveranstaltung, die drei Tage später vor dem Schöneberger Rathaus stattfand. Transparente mit den Parolen „Für den Sieg der Vietnamesischen Revolution“ und „Die Pflicht jeden Revolutionärs ist es, die Revolution zu machen“ hängen im Audimax der TU, davor diskutieren Studenten hitzig, Reporter fotografieren. In Schöneberg sind 80 000 Gegendemonstranten versammelt, sie halten Schilder mit Aufrufen wie „Jagt Dutschke zum Teufel“ oder „Senat werde endlich hart“ hoch. Und Klaus Schütz, damals Regierender Bürgermeister, bellt heiser ins Mikrofon: „Wir lassen es nicht zu, dass unseren amerikanischen Freunden gerade hier in Berlin auf die Stiefel gespuckt wird.“

„Berlin 68“ zeigt die Revolte, als sie noch jung und sexy war. Die siebziger Jahre, die dunkle Ära von K-Gruppen-Irrsinn und Terror, kommen nicht mehr vor. Anrührend sind die Dokumente, die an den Anschlag auf Dutschke erinnern. Im letzten Fernsehinterview vor der Tat fährt der Studentenführer durch Berlin und sagt, dass er „keine Angst“ habe. Darüber hängt die Aussage des Attentäters Josef Bachmann aus seiner Vernehmung: „Ich sagte: Du dreckiges Kommunistenschwein. Dutschke kam auf mich zu. Ich zog die Pistole und schoss.“ Direkt daneben ein Kinderbild, versehen mit ein paar Worten in krakeliger Schrift: „Liebe Frau Dutschke! Es tut mir sehr leid, dass Rudi angeschossen ist. Ich wünsche ihm gute Besserung. Ihre Janine. Ich bin 6 Jahre alt und mein Bruder Jan Daniel ist 2 1/2.“

Ephraim-Palais, bis 2. November, Di, Do–So 10–18, Mi 12–20 Uhr.

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