Kultur : Studie über russisch-jüdische Einwanderer in Potsdam vorgestellt

Clemens Wergin

Die Ergebnisse der Studie sind ein Hilfeschrei: Die jüdischen Gemeinden Deutschlands sind hoffnungslos überfordert bei der Integration der jüdischen Einwanderer aus den GUS-Staaten. Mehr als 100 000 Kontingentflüchtlinge sind inzwischen eingewandert. Gemessen an den 2,3 Millionen Aussiedlern, die seit 1988 einwanderten und den 7,32 Millionen in Deutschland lebenden Ausländern ist diese Zahl zwar wahrlich gering genug, aber die jüdischen Gemeinden mit ihren vor der Zuwanderung nicht einmal 30 000 Mitgliedern stehen dennoch vor einer Zerreißprobe.

Julius H. Schoeps, der Leiter des Moses Mendelssohn Zentrums in Potsdam, Willi Jasper und Bernhard Vogt haben 1996 ein Buch zur Lage der russisch-jüdischen Emigranten in Deutschland veröffentlicht ("Russische Juden in Deutschland"). Ihre neuste Studie "Ein neues Judentum in Deutschland?" (Verlag für Berlin-Brandenburg. 325 Seiten, 49 Mark) knüpft an die damaligen Ergebnisse an. Wer dachte, inzwischen sei eine Verbesserung der Lage eingetreten, wird enttäuscht: Über 48 Prozent der russischen Juden sind arbeitslos, die anfängliche Zuversicht ist bei vielen tiefer Resignation gewichen. Im Vergleich dazu gibt es unter deutschstämmigen Aussiedlern eine Arbeitslosigkeit von "nur" 14 Prozent. Die Autoren führen dies auch auf den unterschiedlichen Status beider Gruppen zurück. Denn nur die Aussiedler erhalten sofort die deutsche Staatsbürgerschaft und eine großzügige Anerkennung ihrer in Russland erworbenen Abschlüsse. "Es kann sein, dass ein russischer Jude und ein Aussiedler in Odessa die gleiche Ausbildung gemacht haben, aber in Deutschland nur die des Aussiedlers anerkannt wird, die andere nicht", sagt Jasper.

Zudem müssen jüdische Emigranten sieben Jahre warten, bevor sie die Staatsbürgerschaft beantragen können, wer dann arbeitslos ist, hat ohnehin keine Chance. Durch die Reduzierung der Sprachkurse auf sechs Monate haben aber auch die Sprachprobleme zugenommen. Erst nach fünf Jahren geben die meisten an, dass die Verständigungsschwierigkeiten nicht mehr den Kontakt zur Umwelt erschweren. Mit dem Beschluss der Ministerpräsidenten von 1992 wurden russische Juden nach Deutschland gebracht, um die seit dem Zweiten Weltkrieg dezimierte jüdische Gemeinde zu verstärken. Judith Kessler, Sozialarbeiterin der Berliner Gemeinde, konstatierte denn auch, die Politik sei "auf halbem Wege stehengeblieben". Schoeps forderte die Politik auf, den einmal gewollten Weg auch "zu Ende zu gehen" und die Probleme nicht allein den jüdischen Gemeinden zu überlassen. Diese haben sich seitdem zumindest verdoppelt, einige sogar verachtfacht. Die nichtrussischen Juden sind inzwischen in der Minderheit, eine soziale Betreuung der Migranten kaum mehr möglich. Zudem verschleudertDeutschland so die Talente einer Bevölkerungsgruppe, die zu über 70 Prozent aus Akademikern besteht.

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