Studio Chor Berlin : Zacken, Gabeln, Klapperstöcke

Der Studio Chor Berlin lädt unter seinem neuen Leiter Alexander Lebek zum Hexentanz im Konzerthaus.

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Der Studio Chor Berlin
Der Studio Chor BerlinFoto: Studio Chor Berlin

Wollte man von dem in Berlins Konzertsälen aufgeführten chorsymphonischen Repertoire auf die Bevölkerung schließen, dann könnte man meinen, es handele sich um eine sehr fromme Stadt. Umso wichtiger ist es, dass Chöre immer wieder auch Kontrapunkte zum üblichen Reigen aus geistlichen Oratorien, Messen und Motetten setzen.

Ein solches Programm hat der Studio Chor Berlin zu Pfingsten im Konzerthaus präsentiert, unter seinem neuen Leiter Alexander Lebek. Besonders die erste Programmhälfte mit Ludwig van Beethovens „Meeresstille und Glückliche Fahrt“, Robert Schumanns „Nachtlied“ und Johannes Brahms „Schicksalslied“ stellt dabei eine große Herausforderung für den erst seit Februar amtierenden jungen Dirigenten dar. Innerhalb von nur wenigen Minuten müssen der Chor und das Neue Konzertorchester Berlin beachtliche Kontraste zwischen emphatisch geschilderten Entgrenzungserfahrungen und tröstlichen Visionen unter einen Spannungsbogen zwingen.

Bei Beethovens Meerbild will das noch nicht vollständig gelingen: Zu wenig abgerundet und körperreich wirken die Stimmen im Pianissimo, während der Chor in den Spitzentönen der kontrastierenden Fortissimoausbrüche etwas zu schrill klingt. Sensibel gelingt dagegen der Übergang von Schumanns monumentaler Nachtvision zur abschließenden Anrede an den schützenden Schlaf. Mit präzisem Staccato malt der Chor im Schicksalslied das Bild der wie Wasser von Klippe zu Klippe fallenden Menschen, doch trüben noch hier und da Ungenauigkeiten im Orchester wie in der Intonation den positiven Gesamteindruck.

Wie aus einem Guss wirkt dann erst Mendelssohns „Erste Walpurgisnacht“, die Vertonung von Goethes frech antiklerikaler Ballade. Das ist nicht zuletzt den engagierten und dramatisch denkenden Solisten zu verdanken – allen voran der Bariton Jonathan de la Paz Zaens. Mit beachtlicher Präsenz in die Rolle des Druidenpriesters schlüpfend, sorgt er dafür, dass die aufklärungsfeindlichen „dumpfen Pfaffenchristen“, welche die hier deutlich pantheistisch angehauchten alten Sachsen unterdrücken, ihr Fett wegbekommen. Einen Heidenspaß hat auch der plastisch deklamierende Studio Chor Berlin daran, den Widersachern mit „Zacken, Gabeln, Glut und Klapperstöcken“ einen furchterregenden Hexensabbath vorzutäuschen. Bis dann alle in ein wunderbar intensiv gestaltetes, gleichsam von innen glänzendes Finale einmünden, um die lichte Stimmung eines von klerikalen Zwängen befreiten Glaubens zu feiern.

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