Stück an der Schaubühne : Ein Lebemann im Abwärtsstrudel

Peter Kleinert dramatisiert an der Schaubühne Kästners Roman „Fabian – Der Gang vor die Hunde“. Eine Odyssee durch das frivole Nachtleben Berlins.

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Gefangen. Jakob Fabian (Timocin Ziegler) lebt in den Tag hinein.
Gefangen. Jakob Fabian (Timocin Ziegler) lebt in den Tag hinein.Foto: DAVIDS/Brunner

„Die nächste Zukunft hatte den Entschluss gefasst, mich zu Blutwurst zu verarbeiten. Was sollte ich bis dahin tun? Bücher lesen? An meinem Charakter feilen? Geld verdienen? Ich saß in einem großen Wartesaal, und der hieß Europa“.

Wow. Wenn das der Jugend von heute mal nicht aus dem Herzen spricht. Dabei stammt die Beschreibung des ungewissen Fleischwolfgefühls von 1931 – und war auf die eigene Epoche gemünzt. Erich Kästner schickt in seinem Großstadtroman „Fabian“ einen jungen Germanisten durch das ziel- und zügellose Berlin am Vorabend des Untergangs. Während die politische Katastrophe sich in Schießereien zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten entlädt, trudelt Protagonist Fabian, erkennbar mit Wesenszügen seines Autors ausgestattet, durch das dauerberauschte und frivole Nachtleben der Metropole. Ein leicht amüsierter Beobachter, bewehrt mit dem Fernglas der Ironie. Dass es keine große Anstrengung braucht, um den Blick aus der Weimarer Republik in die Gegenwart zu lenken, liegt an den präzisen Zustandsbeschreibungen Kästners.

Das Stammlokal des Schriftstellers

Im Studio der Schaubühne springen die jungen Spieler direkt aus einer videoverwackelten Fahrt mit dem M-19er-Bus über den Kudamm auf die Bühne, und verorten sich erst einmal in der Kästner-Topografie. Direkt gegenüber der Schaubühne, wo jetzt der Prime Grill ist, war einmal das Café Leon beheimatet. Kurfürstendamm 156, ein Stammlokal des Schriftstellers, wo möglicherweise Passagen des „Fabian“ entstanden sind – auch „die Geschichte eines Moralisten“ genannt. Was nicht verhinderte, dass der „Völkische Beobachter“ sie als „gedruckten Dreck“ schmähte. Und das, obwohl die Fassung auf Lektorendruck hin schon bereinigt erschienen war. Erst 2013 ist im Zürcher Atrium Verlag die Originalfassung aufgelegt worden, mit dem Untertitel „Der Gang vor die Hunde“.

Die Geschichte nimmt sich nun Peter Kleinert als Vorlage. Der Regieveteran setzt mit „Fabian“ die alljährliche Schaubühnen-Tradition einer Inszenierung mit Studenten der Ernst-Busch-Schule fort, und hat ein siebenköpfiges Ensemble von durchweg vielversprechendem Talent um sich versammelt: Jakob Fabian (Timocin Ziegler) verdient sein Geld als Reklamefachmann bei einer Zigarettenfirma und betreibt – wie es in der Fassung der Schaubühne heißt – „gemischte Gefühle als eine Art Hobby. Wie ein Chirurg, der die eigene Seele aufschneidet“.

Seine Odyssee führt ihn durch halbseidene Etablissements wie das „Institut für geistige Annäherung“, wo er auf seltsame Nachtfalter wie die sexuell libertäre Frau Moll trifft (Janine Meißner). Durch Reaktionsstuben, wo der zynische Chefredakteur Münzer (Gregor Schulz) verkündet: „Was wir hinzudichten ist nicht so schlimm wie das, was wir weglassen“. Und schließlich in die Arme der schönen Cornelia Battenberg (Llewellyn Reichmann), die jedoch bald mit einem Produzenten anbandelt, um Karriere zu machen. Fabian verliert seinen Job. Sein bester Freund, der Idealist Stephan Labude (Tim Riedel), nimmt sich das Leben. Und auch sonst gibt’s keinen Anlass zum Optimismus.

Was nicht nötig gewesen wäre

Im Zentrum der Bühne von Peter Schubert rotiert eine graue Wand nebst Separees, die Kleinerts dynamischen Schauplatz- und Rollenwechsel-Reigen äußerlich in Schwung bringt. Wo seine Spieler sich die Romanerzählung teilen, mit ironischer Schärfe das Geschehen kommentieren, oder Kästner-Gedichte wie „Modernes Märchen“ singen, ist die Inszenierung stark. Problematischer wird’s dort, wo die Studenten aus den Rollen aussteigen, um über das Schauspielerdasein zu reflektieren.

Oder über die Frage, wie man sich heute, angesichts politischer Verwerfungen (Pegida lässt grüßen!), moralisch verhält. Das schlägt zwar durchaus inhaltliche Brücken zum Roman, wäre aber gar nicht nötig. Die Gegenwart drängt sich ohnehin auf. Sie so beglaubigen zu müssen, klingt nach den ersten Zeilen der wundervollen Kästner-Ballade „Ballgeflüster“: „Ich bin aus vollster Brust modern - und hoffe, man sieht es mir an.“

Wieder 30.1. bis 1.2., 3.+4.2., 16.2., 24.+25.2., 27.2., jeweils 19.30 Uhr

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