Kultur : Stücke der Saison

ULRICH DEUTER

Sie sind die Ergänzung zum Berliner Theatertreffen oder wollen es zumindest sein, die ernste Anmerkung zum heiteren Fest: die jährlichen Mülheimer Theatertage. Soeben sind sie zum 24. Mal zu Ende gegangen. Nicht "bemerkenswerte" Inszenierungen, sondern neue Stücke wollen sie zeigen, die besten des Jahres. Sowie von diesen noch einmal das beste küren. Nach stundenlanger, hitziger öffentlicher Debatte ging der mit 20.000 Mark dotierte Dramatikerpreis an Oliver Bukowski. Dessen Stück "Gäste" hatte die Jury überzeugt, weil es unverbrauchte Typen zeige und das habe, was das Theater dringend aufstoßen müsse: das Fenster zur Welt. In der Tat zeigt "Gäste" das zupackende Scheitern von Ostdeutschen im Bemühen um systemgerechten Aufstieg, etwas, worin der Cottbuser Autor Meister ist und was er in einer ganz eigenen Mischung aus Liebe und Spott erzählt. Ein Gelingen, zu dem die kongeniale Inszenierung des "Theater 89" gewiß beitrug.

Bis zuletzt in harter Konkurrenz hierzu hatte sich Elfriede Jelineks "er nicht als er" befunden (Schauspielhaus Hamburg), worin ein dichtendes Ich auf die Suche nach einem geht, der schon immer ein anderer, zuletzt schweigender war: Robert Walser. Und worin sich eine neue, liebende Jelinik zeigt. Doch die große Herausforderung fürs Theater, die einige Juroren in diesem offenen Text erblickten, konnte sich nicht durchsetzen. Sechs weitere Stücke standen mit im Ring. So Peter Turrinis "Die Liebe in Madagaskar", die Geschichte eines armen Vorstadtkinobesitzers in der kurzen Rolle als Weltmann - auf der flüchtigen Welle des Glücks schaukeln meisterhaft Kirsten Dene und Otto Schenk in der Wiener Akademie-Theater-Aufführung. Aber das darf nicht gar nicht bemerkt und gesagt werden, denn nur das Stück ist in Mülheim zu beurteilen, das Stück allein. Und das ist in diesem Fall von geringem dramatischen Wellenschlag.

Zirka 130 Stücke hatten die Juroren gesichtet, dies ist in etwa die jährliche Zahl neuer deutschsprachiger Dramen. Doch stellt dies lediglich 10 bis 15 Prozent der saisonalen Inszenierungen dar.

Ein Streitfall wäre auch "Feuergesicht", Marius von Mayenburgs erstes großes Stück, in dem ein in der Familienhölle sich entzündender Jüngling seinem Elternkrieg und Schwesterbegehren eine knäbische Feuerphilosophie aufpropft. Ein Backprodukt, das in der Fassung des Kleist Theaters Frankfurt (Oder) ganz zum Pubertätsbraten verbuk. Offenbar legte die Mülheimer Auswahl dieses Jahr besonderen Wert darauf, möglichst textnahe Inszenierungen einzuladen, das galt auch für "Der Mann, der noch keiner Frau Blöße entdeckte" von Moritz Rinke. Dieses Rätselstück um des Zartgermanen Helmbrecht Erscheinen im Theaterphrasenland ist zwar noch nicht der große Wurf, aber es hat einen besonderen, träumerischen Klang. Die Münsteraner Inszenierung spielte - anders als die Stuttgarter Uraufführung - vom Blatt und tutete die Melodie zugrunde. Die Mülheimer Theatertage sind mehr Werkschau als Festival. Nach Mülheim zu kommen, ist für die Bühnen ein Uraufführungsansporn. Großautor Botho Strauß fehlte zwar, sein "Kuß des Vergessens" (in der Zürcher Inszenierung) aber überzeugte auch ohne ihn. Durchsichtig und brav hingegen Thomas Hürlimanns "Lied der Heimat" (Schauspiel Zürich), eine Schweizkritik in vier Bildern. In den Stücken der Saison sterben die Menschen wie Fliegen, am unverblümtesten in Theresia Walsers "King Kongs Töchter" (Neumarkttheater Zürich), wo drei Krankenschwester Todesengel spielen und ihren Pflegealten kinomythenselige Abgänge inszenieren. Eine gelungen poetische Verbindung von Zwischenmenschlichkeit und Weltvergeisterung.

Ob bessere Stücke hätten eingeladen werden können? Vielleicht; kühnere als "Madagaskar" gewiß, jüngere als "Feuergesicht" ebenso (Falk Richter, Igor Bauersima). Und ist Marthalers "Spezialisten" etwa kein Stück? Die Mülheimer Theatertage behindern sich immer wieder selbst mit ihrer Fixierung aufs klassisch geschriebene Stück.

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