Stückemarkt des Theatertreffens : Wer ist das Wir?

Konfliktmaterial und Dauerbrenner: Der Stückemarkt des Theatertreffens versucht die großen Menschheitsfragen zu klären.

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Die "two-women-machine-show" beim Stückemarkt.
Die "two-women-machine-show" beim Stückemarkt.Foto: Maria Zorzon

Schwer, sich zu verständigen, wenn man durch Matratzen sprechen muss. Davon gibt die Performance „Metamorphoses 3°: RETORIKA“ des slowenisch-italienischen Künstlerpaares Bara Kolenc und Atej Tutta ein eindrückliches Bild. Da wird ein Dialog auf Augenhöhe durch immer mehr hochkant zwischengeschobene Polster erst abgefedert. Und schließlich ad absurdum geführt. Bis es aussieht, als würden hier zwei durch eine Matratzen-Ziehharmonika miteinander sprechen. Was nebenbei eine stimmige Metapher für die Kommunikation zwischen Politik und Volk ist. Statt Klartext mutet man den Bürgern nur Ansagen mit Federkern zu, x-fach realitätsgedämpft

Die Tableaux in „Metamorphoses 3°: RETORIKA“ erzählen vom Scheitern der Rede auf politischer und privater Ebene. Verstärker, Mikrofonständer, Matratzen, mehr braucht es dafür nicht. Genug jedenfalls, um die Jury des Stückemarktes des Theatertreffens zu überzeugen, die Kolencs und Tuttas Arbeit unter 324 Einreichungen aus ganz Europa auswählten.

Drogen, Disco, Depression

Große Fragen wirft dieser Stückemarkt auf: „Wer ist das Wir in unserer Gesellschaft? Über wen sprechen wir, wenn wir über uns sprechen?“ Puh. Darüber muss man erst mal gründlich nachdenken in der „aktuellen Umbruchsituation Europas“, aus der die Bühnen und Autoren landauf, landab ihr Konfliktmaterial gewinnen. Klar ist nur: „Politische Realität und das Erproben neuer Formen von Autor*innenschaft“ treffen beim Stückemarkt aufeinander. Alle fünf eingeladenen beziehungsweise gelesenen Arbeiten haben „Macht, Gewalt, Krise und Krieg“ zum Thema. Dauerbrenner quasi.

Genau wie die Bewältigung von Vergangenheit und Zukunft. Auch so eine sisyphosmäßige Menschheitsaufgabe. Der stellen sich drei Texte in szenischen Lesungen. Darunter Simone Kuchers „Eine Version der Geschichte“. Das Stück beginnt mit der Begegnung zwischen einer junge Musikerin und einem alten Mann bei einem Violinkonzert des Komponisten Khatchaturian und schlägt den Bogen zum Genozid an den Armeniern. Was dieser Tage kein diplomatieförderndes Thema ist, obschon Kucher, 1973 in Ellwangen geboren, die deutsche Verstrickung in den Völkermord nicht ausspart.

Eindrückliche Passagen hat auch der Text „Der (vor)letzte Panda oder Die Statik“ von Dino Pešut. Der 36-jährige Kroate erzählt von seiner eigenen Generation, den Kindern der 90er, die mit den Beben des Bosnienkrieges und traumatisierten Eltern groß wurden. Und die heute zwischen Drogen, Disco und Depression ihren Weg zu finden versuchen. Der Text mäandert zwar ein bisschen ziellos, ist aber immer noch packender und stringenter als die etwas wirre Saga „A Concise History of Future China“ des in Hongkong geborenen Pat To Yan. Der jagt Figuren mit Glückskeks-Namen wie „Katze mit Loch“ oder „Unheimliches Mädchen“ in ein dystopisches Fluchtszenario.

Problematische Zuschreibungen - ist klar

Im Grunde müsste man sich nur in Repertoire-Vorstellungen des Gorki-Theaters setzen, um viele Stückemarkt-Themen gegenwartsnäher erzählt zu bekommen. Diesmal fällt der Job des Theaterformen-Erneuerns an die dänische Gruppe two-women-machine-show & Jonathan Bonnici. In „TRANS-“ beschreiben die Performer erst mal den Raum. Dann die Zuschauer, die im Kreis um sie herumsitzen. Thema: Problematische Zuschreibungen, schon klar. Das Ganze fällt unter „immersive arts“, für die auch Festspiele-Intendant Thomas Oberender entflammt ist. Was darunter zu verstehen ist? Eine Kunst, bei der man mittendrin, statt nur dabei ist. Was alles virtual reality bis Mitmachtheater alter Schule meinen kann. Da bahnt sich die nächste große Mode an, die das Theater der Welt nicht näher bringt.

Stückemarkt des Theatertreffens: bis 20.5., www.berlinerfestspiele.de

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