Kultur : Stühle raus, Luft rein

Was der neue BSO-Dirigent Lothar Zagrosek im Berliner Konzerthaus plant

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Lothar Zagrosek wird in der kommenden Spielzeit die Nachfolge von Eliahu Inbal als Chefdirigent des Berliner Sinfonie-Orchesters antreten. Berühmt wurde der 1942 geborene Zagrosek, der seine Musikerlaufbahn bei den Regensburger Domspatzen begann und bei Hans Swarowsky in Wien studierte, vor allem als Generalmusikdirektor der Stuttgarter Oper, die er von 1997 bis 2006 leitete. Zweimal wählten ihn Deutschlands Kritiker für seine Stuttgarter Produktionen zum „Dirigenten des Jahres“. Heute, morgen und am Sonntag dirigiert Zagrosek im Konzerthaus Mozarts Oper „La finta giardiniera“.

Herr Zagrosek, Sie sind jetzt 64 und könnten eigentlich einen behaglichen Dirigenten-Lebensabend mit Gastdirigaten verbringen. Warum haben Sie stattdessen einen Chefposten in Berlin angenommen?

Ich bin Dirigent geworden, weil das der einzige Musikerberuf ist, in dem ich einen Gestaltungsspielraum habe, der über das bloße Spielen der Noten hinausgeht. Und ich glaube, dass in der Konstellation von Berliner Sinfonie-Orchester und Konzerthaus mehr möglich ist als andernorts. Ich habe schon bei meinem ersten Konzert im Januar eine Bereitschaft der Musiker gespürt, mitzuziehen und sich auch über starre gewerkschaftliche Regelungen hinwegzusetzen. Das hat wohl auch damit zu tun, dass die Musiker, wie ja in fast allen Berliner Orchestern, in den letzten Jahren das Gefühl einer existenziellen Bedrohung durch eine drohende Fusion oder Auflösung erfahren haben. Das mag zwar bitter gewesen sein. Aber dafür ist jetzt der Wille da, alle Strukturen zu hinterfragen und über die Rechte und Aufgaben jedes Einzelnen zu reden.

Sie haben eine Menge vor: Im Moment steht das BSO unter den Berliner Orchestern nicht gerade auf den vorderen Plätzen.

Natürlich ist mir klar, dass diese Konkurrenzsituation eine besondere Herausforderung ist und die Philharmoniker uneinholbar sind. Dennoch will ich erreichen, dass das BSO genauso unverzichtbar wird. Das beginnt doch schon beim Namen: Wir werden das Orchester in „Konzerthausorchester Berlin“ umtaufen, damit es sich deutlicher von den anderen Orchestern absetzt. Ich habe übrigens anderthalb Jahre verhandelt, bevor ich meinen Vertrag unterschrieben habe. Und da ging es genau um solche Dinge, die das künstlerische Profil des BSO schärfen können: mehr Geld für Marketing, eine Verbesserung der Akustik, die in diesem Sommer vorgenommen wird.

Welchen Spielraum sehen Sie in Berlin für eine künstlerische Profilierung?

Wir müssen uns klar darüber sein, dass das Repertoire nun einmal begrenzt ist und alle im Wesentlichen dieselben Werke spielen. Wir sind wie Archäologen und graben alte Gegenstände aus. Zu etwas Besonderem werden sie nur dadurch, dass sie mit einem persönlichen Kunstwillen gefüllt und zum Leben erweckt werden. Das Entscheidende ist für mich die Nachhaltigkeit: Dass wir einen Mozart so spielen, dass die Leute verstehen, was an ganz heutigen Gefühlen in dieser Musik steckt. Nur so wird das Konzertpodium zum Ort intellektueller Auseinandersetzung.

Welche Signale für diese Auseinandersetzung setzen Sie in Ihrer ersten Spielzeit?

Ein Beispiel: Wir beginnen mit einem Orchesterfest, bei dem wir den Saal ausräumen lassen, so dass das Publikum die Musik im Stehen hört und hautnahen Kontakt zum Podium hat. Diese Idee habe ich von den London Proms, deren Stimmung mich ungeheuer beeindruckt hat.

Schaut man sich das BSO-Publikum an, hat man allerdings seine Zweifel, ob es ein ganzes Konzert im Stehen durchhält.

Ja, deshalb ist das auch nur ein kurzes Programm von knapp fünfzig Minuten. Das lässt sich, glaube ich, durchstehen. Anschließend gibt es dann ein Konzert, bei dem die Musiker zusammen mit Teilen des Publikums den ersten Satz aus Dvoraks Neunter Sinfonie spielen – wir haben schon jetzt über 200 Anmeldungen. Was es in der Folgezeit auch mehr geben wird, sind konzertante Opernaufführungen mit einem neuen, halbszenischen Konzept, so wie wir es gerade bei Mozarts „Finta giardiniera“ realisieren.

Haben Sie vor, den Klang des Orchesters zu verändern? Etwa im Sinne einer stärkeren solistischen Brillanz und Freiheit, wie sie Rattle von seinen Musikern fordert.

Der verändert sich bei den Proben schon ganz von allein. Ich halte es jedoch verfehlt, zu sehr auf solistische Brillanz zu setzen. Ein Orchester ist ein komplexes kybernetisches System, das nur durch den Prozess des Unterordnens zu einer gemeinsamen Artikulation gelangt. Wenn einzelne Musiker exzellente Solisten sind, fügen sie sich nicht ein – Sie erleben das oft bei französischen Orchestern. Mein Ideal ist altmodisch: Orchester sind, ebenso wie die für sie entstandenen Kompositionen, nun einmal von einer autoritären, hierarchischen Grundstruktur geprägt, um die man nicht herumkommt.

Sie sind nicht nur Chefdirigent des BSO, sondern auch stellvertretender Intendant. Bedeutet das, dass Sie den jetzigen Intendanten Frank Schneider beerben wollen, wenn er in absehbarer Zeit in Ruhestand geht?

Auf keinen Fall. Ich habe diesen Titel mit in den Vertrag genommen, um zu signalisieren, dass das Orchester zum Haus gehört. Eine Ausgliederung in eine eigene GmbH hielte ich für grundfalsch, nur durch die institutionelle Verzahnung von Haus und Orchester habe ich die Sicherheit, dass hier kein Chichi veranstaltet wird und Modenschauen statt Konzerten stattfinden. Deshalb habe ich das Recht, sofort zu kündigen, falls solche strukturellen Änderungen beschlossen würden. Aber so weit wird es nicht kommen.

Das Gespräch führte Jörg Königsdorf.

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