Kultur : Stürmer und Hänger

Das Regietheater ist in die Jahre gekommen – und die Kunst kommt nicht mehr vom Fleck

Rüdiger Schaper

Die christlichen Kreuzfahrer des Mittelalters waren für ihre erbarmungslose Brutalität bekannt. Eine ihrer Belagerungsmethoden bestand darin, mit Katapulten die abgeschlagenen Köpfe von Gefangenen in die umkämpfte Stadt zu schießen. Manchmal flogen auch Tierkadaver über die Mauern – sie sollten in der belagerten Stadt Seuchen verbreiten.

Das ist ein drastisches, aber nicht unzutreffendes Bild für das Regietheater, wie es sich hierzulande in den siebziger und achtziger Jahren ausgeprägt hat. Niemand wird geschont, nicht die Schauspieler, nicht das Publikum, nicht die Dramentexte, in denen das Ungeheuerliche, Provokante, Blutig-Mythische ja schon steckt (Shakespeare, die antiken Griechendramen). Und nichts wird geschönt.

Antonin Artauds „Das Theater und sein Double“, ein Klassiker der Avantgarde des 20. Jahrhunderts, operierte mit der Pest. Kurz: Das Theater kann kein geschlossener, sicherer Raum sein, es gibt kein Entrinnen vor der Realität und ihren Grausamkeiten. Eine Kunst, die sich auf den ästhetischen Schein zurückzieht, ist verlogen, dem Untergang geweiht. So Artaud. Aber: Auch das Regietheater (im Schauspiel gibt leider keinen besseren Begriff) hat sich aufgerieben.

Die beiden Zumutbarkeits- und Freiheitsdebatten dieses Jahres haben das gezeigt. An Lächerlichkeit kaum zu überbieten, war die Frankfurter Spiralblock- Farce ein Symptom für den Überdruss. Auf beiden Seiten: Regie wie Kritik produzierten hohle Egozentrik. In der Berliner „Idomeneo“-Affäre geriet ein schon etwas in die Jahre gekommener, milder gewordener Regisseur mit einiger Verzögerung – bald drei Jahre nach der Premiere! – in einen Skandal, nach dem man sich früher gesehnt hätte.

Hans Neuenfels, auch das ist signifikant, inszeniert heute ohnehin nur noch Oper. Es ist das letzte, eigentlich längst zerpflügte Schlachtfeld. Auch ein Frank Castorf, mit Mitte Fünfzig ein paar Jahre jünger als Neuenfels, wirft sich aufs Musiktheater. Spielt mit Wagners „Meistersingern“, weil alle anderen Spielzeuge ausgeleiert und kaputt sind. Zuvor setzte sich Castorf auch schon nicht mehr mit dramatischen Texten, sondern mit Dostojewskis Romanwerk auseinander. Die Oper – das Ende der Fahnenstange!?

Niemand kann einem Künstler, einem Regisseur einen Vorwurf daraus machen, dass er seinen Sturm und Drang hinter sich hat, keine Lust mehr verspürt auf Kartoffelsalatschlachten. Selbst Video, vor ein paar Jahren noch Zauberdroge und neue Wunschmaschine so vieler Schauspielregisseure, ist inzwischen so alltäglich wie elektrisches Licht.

René Pollesch, Armin Petras, Sebastian Baumgarten, die erfolgreichen Inszenatoren um die Vierzig, pflegen einen diskursiven Stil. Das Medium selbst ist das Thema, oft das einzige. Man kennt das aus der Bildenden Kunst. „Documenta“- Theater, wenn man so will. Auch das ist nicht ganz neu, aber noch weit verbreitet. Dabei scheint die gesamte Theatersituation – gibt es überhaupt Kriterien für die Auswahl und Beurteilung von Stücken und Stoffen? – so unübersichtlich wie nie. Anything goes, nichts geht mehr, die „Orestie“ des Aischylos am Deutschen Theater Berlin, eingeschmolzen von Michael Thalheimer, dauert keine zwei Stunden; und sie bewegt doch.

Vielleicht sind die Helden des Regietheaters nicht alt, sondern alterslos geworden. Alterswerke schlechthin kennt man noch von Peter Brook oder Peter Zadek, aber ein Peter Stein, ein Claus Peymann wirkt manches Mal bockig-verbittert, wie Jünglinge, die man nicht reüssieren lässt.

Es ist das große historische Verdienst des Regietheaters, dass es mit seinen Feldzügen die Bastionen der Bühnenlandschaft über die Zeit gerettet hat. Jetzt sitzen sie, wir, da drin und verwalten, als Sieger. Und fürchten uns vor der Frage, warum unsere Kunstfreiheit so langweilt.

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