Kultur : Stürz dich ins Leben

Cristina Moles Kaupp

Verkehrte Welt: Mühte sich in "La Cage aux Folles" ein schwules Pärchen noch mit der selbstverständlichen Kernigkeit von Heteros, outet sich nun ein mausgrauer Mann als homosexuell, um seine Existenz zu retten. Nur ist Buchhalter François Pignon alles andere als schwul, und das lässt Arges befürchten: dass inzwischen selbst die notorischen Langweiler ihr Manko erkannt haben und ihre letzte Chance in sexueller Neuorientierung wittern. Kaum auszudenken, wenn das Schule macht.

Vorerst jedoch passt das Chaos ins Komödienfach. "Ein Mann sieht rosa" stammt wie "Ein Käfig voller Narren" aus der Feder des Erfolgsautors Francis Veber ("Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh", "Die Filzlaus"). 23 Jahre liegen die Filme auseinander, und Männerminne ist längst pc. Trotzdem zerrt Veber Vorurteile und strapazierte Gags auf den Plan, nur die Zielscheiben seines Spotts hat er zeitgemäß vertauscht: Jetzt dürfen die letzten Homophoben für ihre Beschränktheit büßen. Vierschrötige Kerle wie Personalchef Santini zum Beispiel (Gérard Depardieu), der das Rugby-Team der überschaubaren latexverarbeitenden Firma leitet. Ihm ist der Schwächling von der Buchhaltung schon lang ein Dorn im Auge. Nun will er die hyperkorrekte Schlaftablette feuern, die Firma muss sparen.

Zufällig erfährt Pignon davon, dem Frankreichs Superstar Daniel Auteuil seine zarte Unauffälligkeit verleiht. Längst von Frau samt Sohn verlassen, bestimmt Arbeit sein Leben. Unfähig, einen weiteren Tiefschlag zu verkraften, will der Verzweifelte wenigstens einmal Konsequenz beweisen - durch einen Sprung vom Balkon. Doch eine kräftige Stimme hält ihn zurück, er möge dabei doch bitte sein Auto verschonen. Statt in den Tod solle er sich ins Leben stürzen, so der nachbarschaftliche Rat Belones (Michel Aumont). Der Psychologe weiß auch gleich wie - mit einem anonymen Schreiben nebst Foto, das Pignon als glücklichen Lederschwulen zeigt. Belones Rechnung geht auf, denn welcher Kondomhersteller kann sich heute die grundlose Entlassung eines homosexuellen Mitarbeiters leisten?

Pignon indes verhält sich wie immer - still, liebenswürdig und langweilig. Nur in den Augen der Anderen hat er sich verändert, die nun jeden Blick, jede Geste neu werten - "Hat er nicht schon immer mit dem Hintern gewackelt?" - "Ja, stille Wasser sind tief". Hinter Pignons fader Fassade wittern die lieben Kollegen jene Zügellosigkeit, die auch ihrem Leben Pepp verleihen würde, wenn sie sich nur trauen wollten. Aber jetzt haben sie ja einen Stellvertreter, dessen Alltag immer turbulenter wird: Der geoutete Betriebshomo darf mit rosa Kondom-Käppi auf einer Schwulen-Parade für die Produkte seiner Firma werben, eine attraktive Kollegin versucht ihn "umzudrehen", Ex-Frau und Sohn fordern Aussprachen - und sogar Widersacher Santini macht ihm ganz altmodisch den Hof. Depardieu glänzt wieder in seiner Paraderolle, dem sensiblen Melancholiker im Vierkantkörper. Sein vitales Poltern kontrastiert perfekt mit dem anfänglich fast auf Transparenz reduzierten Auteuil. Selbstverständlich wächst er an den Herausforderungen, gewinnt immer mehr Farbe und Profil. Unter viel Gelächter darf die Maus endlich Mann werden. Fortschritt oder Regression? Mimikry gehörte schon immer zu den Tricks der Evolution.

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