Kultur : Stürzende Linien

SILKE IMMENGA

"Jeder wird die Beobachtung haben machen können, wieviel leichter ein Bild, vor allem aber eine Plastik, und nun gar Architektur, im Photo sich erfassen lassen, als in Wirklichkeit", schrieb Walter Benjamin 1931 und bezog sich auf eine veränderte Wahrnehmung von Kunst durch Fotografie.Im gleichen Jahr studierte der japanische Architekt Iwao Yamawaki am Bauhaus, wo er sich besonders mit diesem Medium auseinandersetzte.Es war eine innere Seelenverwandtschaft der minimalistischen Ideen des Bauhauses und der traditionellen Kultur Japans, die ihn zu einem zweijährigen Besuch in Dessau veranlaßte.Als Zeugnis seines Aufenthalts zeigt die Galerie Bodo Niemann erstmalig in Europa seine Fotografien.

Bereits frühzeitig und noch in Japan erfuhr Yamawaki aus Zeitschriften von der westlichen Avantgardekunst, bestrebt, die neuen Strömungen direkt am Ort ihrer Enstehung zu erleben.Begleitet von seiner Frau, reiste er als ausgebildeter Architekt nach Dessau, um Fotokurse des Bauhausmeisters Walter Peterhans und die zusammengelegte Werkstatt für Architektur und Innendesign zu besuchen.

Die kleine, erlesene Galerieschau vermittelt anschaulich den Alltag und das Studium des Ehepaars am Bauhaus.Die Yamawakis trafen am Ende eines Fotografiebooms ein.Viele Künstler hatten sich diesem Medium zugewandt, in der Hoffnung, eine adäquate Technik zur Darstellung der modernen Industriewelt zu finden.Angeregt durch die Architekturfotografie von Laszlo MoholyNagy und die subtile Materialästhetik in der Fotografie von Peterhans, bewegte er sich zwischen beiden Positionen.Die zahlreichen Fotografien vom Bauhausgebäude und anderer bedeutender Beispiele des Neuen Bauens geben deutlich das Auge des Architekten und Designers preis.Stürzende Linien und extreme Perspektiven dynamisieren das statische Bauwerk.Andere, als "Abstraktion" betitelte Fotos zeigen Nahaufnahmen von Seifenblasen (19 500 DM), einem Holzgitter (18 000 DM) oder einem durchgeschnittenen Rotkohl (19 500 DM).Feinste Materialunterschiede und interessante, naturgegebene Strukturen werden vom Künstler gekonnt hervorgehoben.

Trotz seiner Sensibilität für das Medium fotografierte Yamawaki nach 1939 offiziell nicht mehr.Seine ganze Aufmerksamkeit galt nun wieder der Architektur und der Vermittlung der Bauhaus-Ideen in Japan, wo er zu den bedeutenden Nachkriegsarchitekten zählte.Bis zu seinem Tod 1987 lehrte er als Professor der Kunstfakultät an der Universität von Tokyo.Yamawaki trug zur Entstehung einer internationalen Avantgardekunst bei, als Vermittler zwischen unterschiedlichen Kulturen wie auch verschiedenen Disziplinen.

Galerie Bodo Niemann, Rosenthaler Straße 40-41, Hackesche Höfe, bis 13.Juni; Dienstag bis Freitag 13-19 Uhr, Sonnabend 12-18 Uhr.

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