Kultur : Stützen der Moderne

Wie Bruno Taut Japans Baukunst für westliche Augen entdeckte: ein Buch über die Villa Katsura

Bernhard Schulz

Als Bruno Taut erstmals die so genannte Villa Katsura im Süden Kyotos besuchen konnte, blieb ihm schier die Sprache weg. Die Notizen, die er sich hinterher über das Bau- und Gartenensemble aus dem 17. Jahrhundert machte, sind von hymnischem Stakkato: „Reine nackte Architektur. Ergreifend – unschuldig wie Kind. Erfüllung heutiger Sehnsucht.“

Taut, vor kurzem noch Professor an der Technischen Hochschule Berlin und Schöpfer der bedeutendsten Sozialwohnsiedlungen der Weimarer Zeit in der Reichshauptstadt, war eben erst in Japan angekommen. Seinen 53. Geburtstag feierte er am 4. Mai 1933 in Kyoto; das Geburtstagsgeschenk seiner Gastgeber war der Besuch der kaiserlichen Villa, der (wie übrigens bis heute) nur mit Mühen zu erlangen war. Taut kam aus der Sowjetunion, wo er vergeblich auf Bauaufträge gehofft hatte. Japan wurde nun, da die Nazis in Deutschland an die Macht gelangt waren und Taut sich aufs Höchste gefährdet wähnte, zum Exil. Er, der 1938 starb, sah Deutschland nie wieder.

Mit Bruno Taut verknüpft ist nicht allein die europäische und speziell deutsche Wertschätzung für die klassische japanische Architektur (posthum erschien 1939 ein Reclam-Band unter dem Titel „Die Wiederentdeckung der japanischen Schönheit“). Unlängst widmete sich ein Kolloquium in Magdeburg – wo Taut anfangs seiner Laufbahn als Stadtbaumeister tätig war – auch diesem, weniger geläufigen Aspekt seines Lebenswerks.

Die Villa Katsura ist das Werk zweier höchst kultivierter Prinzen, Vater und Sohn, die zwischen 1642 und 1658 in zwei Etappen das rund 70 000 Quadratmeter große Gelände im Südosten der Kaiserstadt Kyotos bebauten. Während der – machtlose – Kaiser im städtischen Palast lebte, leisteten sich die eigentlichen Machthaber, die Shogune, wehrhafte Palastburgen. Katsura ist demgegenüber der gebaute Rahmen für Kontemplation, wie sie in der hier in mehreren Pavillons zu zelebrierenden Teezeremonie ihre rituelle Gestalt gefunden hat.

Taut glaubte denn auch einen der berühmtesten Tee-Meister der damaligen Zeit als Architekten ausmachen zu können. Tatsächlich aber haben die prinzlichen Bauherren Anregungen aus der schlichten Gebrauchsarchitektur ländlicher Teehäuser aufgegriffen. Die Nähe zur alles umfassenden Natur kommt in der ungemein raffinierten Verwendung roh belassener Hölzer zum Ausdruck, gerade so, als ob die – in Japan offenen – Dachstühle „gewachsen“ seien. Von strengerer Form sind die Gästehäuser, die auf Stützen über dem Boden zu schweben scheinen – ein Baugedanke, den damals die westliche Moderne verfolgte. Deren Begeisterung für das „Vorbild“ war, nachdem Taut seine Erkundungen mehrfach publiziert hatte, überwältigend.

Das Ensemble ist eine lockere Ansammlung von nur zu bestimmten Zeiten genutzten Gästehäusern und im Garten verstreuten Teehäusern, wobei die Verteilung der elegant-schlichten Gebäude wie auch die Wegführung einem detaillierten, dem Besucher indessen sich erst im Durchwandern erschließenden Plan folgen. Anders als im zeitgleichen europäischen Barock jedoch überwältigt die planvolle Anlage nie den Besucher.

Katsura ist von Taut geradezu wiederentdeckt worden. Nach einem weiteren Besuch nannte er sie seine „zweite alpine Architektur“, damit an jene architektonischen Visionen anknüpfend, die er nach dem (Ersten) Weltkrieg im Kollegenkreis der „Gläsernen Kette“ entwickelt hatte. Und noch emphatischer rühmte er Katsura als „in der Welt völlig allein stehendes architektonisches Weltwunder“.

Dass es sich bei der Villa Katsura tatsächlich um einen Höhepunkt der japanischen Baukunst handelt – und sie ist wahrhaftig eine Verschmelzung aller Künste –, steht außer Frage. Ihre Unzugänglichkeit hat sie zu einem Phänomen der Architekturgeschichte gemacht. Um so bedeutender ist, dass nunmehr endlich eine Monografie – in englischer Sprache – vorliegt, die in ihrem verschwenderischen Abbildungsteil einen virtuellen Besuch der Anlage ermöglicht, wie er in der Wirklichkeit selbst dem glücklichen Empfänger einer Besuchserlaubnis des Kaiserlichen Hofamtes unmöglich ist. Das Buch mit dem schlichten Titel „Katsura. Imperial Villa“ ist ein Markstein der Architekturgeschichtsschreibung, weil es die Taut’sche Wiederentdeckung endlich zu einem nachvollziehbaren Erlebnis macht. Dass Tauts „Gedanken über Katsura“ darin abgedruckt sind, ebenso wie ein Aufsatz von Walter Gropius, einem späteren, für die Moderne noch weit einflussreicheren Bewunderer, beleuchtet schlagartig die ausgreifende Wirkungsgeschichte der japanischen Baukunst.

Wer von den Vertretern der Klassischen Moderne nicht selbst die Villa besichtigen konnte, las doch die Veröffentlichungen, von Taut und späteren. Der Einfluss, den das bis aufs Letzte reduzierte, zugleich mit überwältigendem Proportionssinn errechnete System der Gäste- und Teehäuser Katsuras auf die Moderne etwa eines Mies van der Rohe gehabt hat, lässt sich kaum ermessen. Nie ging es um Nachahmung, wohl aber um Wahl- und Geistesverwandtschaft. „Das Einzelne wie das Ganze erhält seine Form aus dem Sinn, den es hat“, hatte Taut bereits 1929 postuliert, übrigens in einem Aufsatz über die Umwälzungen in der Architektur unter anderem der jungen Sowjetunion.

Die 200 Farbaufnahmen Yoshiharu Matsumuras bringen dem Betrachter die komplexe Anlage der Villa Katsura so nahe, wie es Fotografien überhaupt nur können. Die beständigen Perspektivwechsel, die, auch dies eine Spezialität japanischer Gärten, auf engstem Raum eine Folge völlig unterschiedlicher Ansichten ermöglichen, lassen sich ohnehin nur in natura genießen. Dafür erlauben Fotos das Studium von Gestaltungsdetails, die dem flüchtigen Blick entzogen bleiben. Aus europäischer Perspektive vollständig enträtseln lassen sich die Bauten mit ihren strengen, auf dem Maß der Tatami- Bodenmatten fußenden Proportionen ohnehin nicht. Wundersam vollendet wirken die über Eck gestellten Schiebewände, der sparsame, doch aufs Intensivste verdichtete Schmuck, nicht zuletzt, ja vor allem die wechselnden Landschaftsausblicke von genau auf Tages- und Jahreszeit berechneten Sinnbezügen.

„Kein Werk auf der Welt ist mir bekannt“ – so Taut 1935 –, „das so des freiesten Geistes ist, Ausdruck des Individuums, das seine Umgebung bis zum letzten der Materie durchformt und keinem Detail Zwang antut, weil es ganz freiesten Geistes ist.“ Nicht allein, aber gerade auch wegen Bruno Taut ist dringend zu wünschen, das exzellente Buch bald in deutscher Sprache veröffentlicht zu sehen.

Virginia Ponciroli (Hrsg.): Katsura. Imperial Villa. Mit Texten u.a. von Bruno Taut, Walter Gropius, Kenzo Tange. Electa architecture, Mailand 2005 (dt. Vertrieb: Phaidon). 397 S., 423 Abb., geb. 75 €.

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