Kultur : Stumme Zeugen lügen nicht

Kai Müller

Eine Taschenuhr, die Zeiger sind um 17 Uhr 32 und 42 Sekunden stehen geblieben, Wasser ist in das Gehäuse gedrungen, das Glas zersprungen. Auf einem anderen Bild: Die zerschlissenen Überreste einer Männer-Unterhose, Blut verklebt das Gewebe. Auf einem dritten: Ein kurzärmeliges Oberhemd, der Kragen halb abgerissen, die rechte Schulter- und ein Großteil der Rückenpartie fehlen.

Es sind grausige Zeugnisse. Denn die Kleidungsstücke, die die Berliner Fotografin Frauke Eigen abgelichtet hat, entstammen einem Massengrab im Kosovo, dessen Aushebung sie beobachten durfte. Wer die Stofffetzen getragen hat, darüber ist wenig bekannt. Sie seien unter einer Wiese gefunden worden, erzählt Frauke Eigen mit leiser Stimme. "Die Leichenteile lagen in einem grasbewachsenen Hügel. Bagger trugen die Erde ab, während fünf Leute in weißen Schutzanzügen daneben standen und schrien, wenn wieder ein Arm oder ein Bein entdeckt wurde. Am Rand saßen Leute aus dem Dorf, die wussten, dass ihr Vater da lag." Von den Fundsachen, die für das Den Haager Kriegsverbrecher-Tribunal als Beweisstücke katalogisiert wurden, hat sie Bilder gemacht. Bilder, wie sie von den Ermittlern überall auf dem Balkan gemacht worden sind, vielleicht ein bisschen schöner. Ab heute werden sie in der Galerie Camera Work ausgestellt - und verkauft.

Ganz wohl ist der 32-jährigen Künstlerin dabei nicht. Obwohl sie als Erste das Privileg genießt, ohne internationales Renommee an einem Ort ausgestellt zu werden, der sonst Stars wie Leni Riefenstal oder Helmut Newton vorbehalten ist. Denn darf man das überhaupt: die Hinterlassenschaften von den Opfern eines Genozids zur Kunst erheben? Das fragt sich auch Frauke Eigen, die sehr wohl spürt, dass hier ein schmaler Grat betreten wird - zwischen Sensationslust und Distanz. So wird die "Kosovo Fundstücke 2000" genannte Serie nicht wie andere Arbeiten aufgehängt, sondern in einen Schuber eingelegt, den man wie ein Buch durchblättern muss. "Ich will kein Geld damit machen", sagt sie vorsichtig. Was sie verdient, soll an eine Einrichtung im Kosovo weitergeleitet werden.

Dennoch bleibt ein Unbehagen. Denn die Fotos verdankt sie dem schlichten Umstand, dass sich niemand um sie zu kümmern schien, als sie deutschen Mitarbeitern bei der Exhumierung zusah. Später, nachdem amerikanische Kommissare das Kommando übernommen hatten, habe man sie sofort "rausgeschmissen". Auch dass sie von Den Haag die Genehmigung erhielt, half nichts. Ihre Anwesenheit an dem Ort des Grauens war unerwünscht. "Natürlich", sagt sie, "äußerlich unterscheidet mich nichts von einem Fotoreporter. Es ist sehr schwer zu erklären, dass Teil meines Ansporns Bilder sind, von denen man nicht sagen kann: Das habe ich schon tausend-Mal gesehen."

Ins ehemalige Jugoslawien gelangte sie zuerst 1996 als Fotografin des Technischen Hilfswerks (THW). Lange habe sie dorthin gewollt und dann die Gelegenheit ergriffen, als das THW jemanden suchte, der dessen Aufbauhilfe dokumentieren sollte. So fuhr sie mit einem Dienstwagen durch die Gegend, besuchte Flüchtlingslager, Dörfer und Hilfsprojekte im Kosovo, in Bosnien und Mazedonien. Wenn sie mit ihrer Hasselblatt-Kamera vor die Menschen trat, dann nicht, um deren Elend einzufangen - auf keinem ihrer Bilder sind die Ruinen eines vom Krieg zerstörten Landes zu sehen. Stattdessen sieht man zum Beispiel das offene, erschöpfte Antlitz einer älteren Frau, der von oben Licht aufs Haupt fällt und ihr Haar silbern leuchten lässt. Frauke Eigen hatte sie - wie alle ihre Modelle - gebeten, nicht in die Kamera zu schauen, so dass das Schwarzweiß-Porträt eine merkwürdig entrückte Anmutung erhält. "Ich erzähle keine Geschichten, sondern zeige Bilder, die ohne Anfang und Ende bleiben. Auch wo sie entstanden sind, behalten sie für sich", sagt sie. "Sie sind das, was sie sind."

Nur die Kunst erlaubt sich den Luxus dieser Selbstbehauptung. Doch wo Fotos, die sich von diesen Aufnahmen kaum unterscheiden, dazu benutzt werden, Kriegsverbrechen zu belegen, wirkt Eigens Weigerung, sie erklären zu wollen, wie Blasphemie. Auch ist schwer zu ertragen, dass dem Schrecken eine pittoreske Schönheit zuwächst. Das illustrieren am besten die verfinsterten Landschaftsaufnahmen, die Frauke Eigen am Obersalzberg machte. Die Lieblichkeit des Alpen-Panoramas vereitelte ihren Vorsatz, mit den Mitteln der NS-Ästhetik nach den Spuren von Hitlers Freizeitpark zu suchen. Es ist etwas anderes daraus geworden, imposant und bedrückend zugleich.

Nicht ohne Grund zählt Frauke Eigen, die mit Wolfgang Tillmans studierte, Gerhard Richter, Anselm Kiefer oder Siegmar Polke zu ihren Vorbildern. Bei denen stößt man auf eine ähnlich spätromantische Gefühlslage, in denen Motive der Vergänglichkeit, des Todes, der Leere zirkulieren. Auch Eigen versucht etwas Manifestem näher zu kommen, von dem sie ahnt, dass ihre subjektive Perspektive nicht ausreicht, ihm gerecht zu werden. So schauen ihre Modelle nicht nur deshalb an der Kamera vorbei, um sich nicht offenbaren zu müssen: Sie lassen auch die Künstlerin "verschwinden".

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