Kultur : Stumme Zeugen

Die Berliner Staatsbibliothek verwahrt Tausende geraubter Bücher. Nun wird das NS-Erbe erforscht

Michael Bienert

In der Hafenstadt Triest an der Adria wartete Anfang 1945 ein Berg von Bücherkisten auf den Abtransport nach Berlin. Den Inhalt hatten die deutschen Besatzer in der Stadt eingesammelt, vor allem in Häusern geflohener und deportierter Juden. Als Zwischenlager für das Raubgut diente die unversehrte Synagoge von Triest. Dort sortierten aus der Wiener Nationalbibliothek angereiste Bibliothekare die Bücher, von denen ein Teil für Kärnten bestimmt war, der große Rest sollte an die Berliner Reichstauschstelle mit Sitz am Schiffbauerdamm 26 verschickt werden. Das Interesse der Berliner an den rund 100 000 Büchern war so groß, dass sie sich sogar bereit erklärten, eine Reichsmark pro Exemplar an die deutsche Verwaltung in Triest zu zahlen.

Die 50 Mitarbeiter der „Reichstauschstelle“ sollten Bücher beschaffen, um zerstörte deutsche Bibliotheken nach dem Endsieg wieder aufzubauen. Der harmlose Name dieser Institution geht auf ihre Gründung in den zwanziger Jahren zurück. Unter dem Dach der Staatsbibliothek wurde der internationale Dublettentausch organisiert, um Lücken in wissenschaftlichen Bibliotheken des Reiches zu schließen. Die Buchverluste gingen in die Millionen, als der Bombenkrieg das Reich mit ganzer Härte traf. Entsprechend groß war der Hunger nach Ersatzexemplaren. Bis Kriegsende hortete die Reichstauschstelle über eine Million Bände in 40 Hauptdepots, verteilt über das ganze Land. Nach dem Krieg wanderten große Teile davon als Beutegut teils nach Amerika, teils in die Sowjetunion.

Der Büchertransport aus Triest hat Berlin nie erreicht, er blieb in den Wirren der letzten Kriegsmonate stecken. Rekonstruiert hat den Vorgang eine Forschergruppe, die von 1998 bis 2003 in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien nach NS-Raubgut fahndete. 500 000 Bücher aus den Bibliotheken verbotener Organisationen und von Privatpersonen sind in der NS-Zeit allein dort eingeliefert worden. Die Recherchen mündeten in einen 3000-seitigen Bericht an die Bibliotheksleitung. Er listete 15 000 Bücher und 12 000 sonstige Sammlungsobjekte auf, die unrechtmäßig in die Nationalbibliothek gelangt waren und sich ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende noch immer dort befanden.

Was sich in der Wiener Nationalbibliothek nach der Einverleibung Österreichs ins Hitlerreich abspielte, war kein Einzel- oder Sonderfall. Durch die Forschungen in Wien trat erstmals auch Berlin als zentrale Drehscheibe der nationalsozialistischen Büchertransfers in den Blick. Mit Paul Heigl, einem glühenden Nazi, übernahm 1938 ein ehemaliger Mitarbeiter der Preußischen Staatsbibliothek die Leitung der Wiener Nationalbibliothek. Er brachte einschlägige Erfahrungen mit. Schon seit 1933 war das Haus Unter den Linden eine Sammelstelle für verbotene Literatur. Unerwünschtes Schrifttum wurde in der Nazizeit nicht automatisch vernichtet, sondern in Sondermagazinen und Bibliotheken nationalsozialistischer Organisationen gesammelt. Aus beschlagnahmter jüdischer, sozialistischer oder Freimaurerliteratur stellten die Bibliothekare Unter den Linden Buchpakete zusammen, die sie an andere wissenschaftliche Bibliotheken im Reich verschickten. Wie Staatsbibliothek, Reichstauschstelle, Gestapo, Finanzbehörden und andere NS-Institutionen zusammenwirkten, untersucht seit einem Jahr eine Forschergruppe des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte. Ohne externe Finanzierung sah sich die Staatsbibliothek dazu nicht in der Lage, denn die Suche nach Spuren geraubter Bücher in den Altkatalogen und Archiven ist langwierige Detektivarbeit. Bisher war man in die Staatsbibliothek auf Zufallsfunde angewiesen: Mal stellte sich in den letzten Jahren heraus, dass Bücher einem Rabbiner aus einem Dorf bei Auschwitz gehört hatten, mal tauchten in der Musikabteilung Handschriften aus dem Besitz Arthur Rubinsteins auf - und wurden umgehend an die Erben zurückgegeben.

„Wir stehen ganz am Anfang und wissen noch nicht genau, was auf uns zukommt“, sagt Barbara Scheider-Kempf, die Generaldirektorin der Staatsbibliothek. Sie ist sichtlich erleichtert, dass die systematische Suche nach Raubgut begonnen hat und erste Ergebnisse vorliegen. Auf einem Treffen von Provenienzforschern Anfang Mai wurde erstmals die Zahl von 10 000 bis 20 000 Büchern genannt, die mit großer Wahrscheinlichkeit unrechtmäßiger Besitz der Staatsbibliothek sind. Unklar ist noch, was in Sondersammlungen wie der Orientabteilung schlummert – in der Nazizeit schien das der beste Ort, um wertvolle Stücke aus geplünderten Synagogen oder Gemeindebibliotheken zu verwahren.

Beim Raubgut in Bibliotheken handelt es sich nicht um so wertvolle Einzelobjekte wie in den Museen. Deswegen sind die Begehrlichkeiten und Verlustängste nicht ganz so groß, das öffentliche Interesse bisher gering. Berücksichtigt man allerdings die große Zahl betroffener Bücher, Drucksachen und Handschriften, dann geht es um vergleichbare Werte wie bei der Restitution prominenter Gemälde. Vorbei sind die Zeiten, in denen Bibliothekare die dunkle Herkunft vieler Bücher im Dunklen lassen konnten. Spätestens seit dem Washingtoner Kulturabkommen von 1998, das auch sie zur Suche nach Raubgut und in Zweifelsfällen zur Restitution verpflichtet.

Seit kurzem hat die Staatsbibliothek einen Geschäftsgang für das Aufspüren und die Rückgabe von Raubgut eingerichtet. Rechercheergebnisse zur Herkunft einzelner Büchern sind künftig im elektronischen Bestandskatalog nachlesbar. Diese Informationen werden auch dann nicht gelöscht, wenn ein Werk restituiert oder eine Einigung mit den Erben über den Verbleib in der Bibliothek erzielt wird.

Via Internet ist der Katalog unter www.staatsbibliothek-berlin.de für jedermann ohne Passwort zugänglich. Sucht man in ihm nach Provenienzen und gibt das Stichwort „Raubgut“ ein, so werden derzeit nur zwei Titel angezeigt, ein nachweisliches Geschenk der Gestapo und ein Buch mit einem jüdischen Exlibris. Befriedigend ist das nicht. Aber immerhin ein Anfang.

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