Stummfilmstar : Virtuose des Unheimlichen

Als „Nosferatu“ wurde Max Schreck zur Legende. Nun erscheint eine Biografie über den Berliner Stummfilmstar.

Christian Schröder
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Vorsicht, bissig. Max Schreck als „Nosferatu“ in Murnaus Filmklassiker. Foto: AKG

Sein Gesicht: ein Totenkopf. Die riesigen Ohren stehen fledermausartig ab, die Finger enden in langen, krallenförmigen Nägeln. Aber die Augen glühen. „Einen schönen Hals hat Eure Frau“, sagt Graf Orlok seinem Besucher Hutter, als er ein Bild von ihr entdeckt. So nimmt das Unheil seinen Lauf. Der Graf, aus dessen Mund zwei gewaltige Reißzähne ragen, macht sich von Transsilvanien aus auf den Weg ins norddeutsche Wisborg, er bringt eine Schiffsladung Särge und die Pest mit. Mit einem Sarg unter dem Arm trippelt er spinnengleich durch die fiktive Stadt und sucht. Beißen will er die schöne Frau, ihr Blut saugen.

Der Stummfilm „Nosferatu – eine Symphonie des Grauens“, entstanden 1921/22, ist die früheste bekannte Leinwandadaption von Bram Stockers Vampir-Roman „Dracula“. Dass der Film bis heute seinen Schrecken entfaltet, liegt an den meisterhaften expressionistischen Licht- und Schattenspielen des Regisseurs F. W. Murnau, aber auch an der suggestiven Kraft des Hauptdarstellers Max Schreck. In seinem langen schwarzen Mantel und der selbst geschaffenen Maske scheint der hagere Schauspieler regelrecht mit seiner Figur verschmolzen zu sein. Gedreht wurde vorwiegend außerhalb der Filmateliers, in Wismar, Lübeck und der Hohen Tatra. Dort, in der heutigen Slowakei, wurde Schrecks „geisterbleiche Gestalt“ von den Einheimischen „mit entsetzten Blicken betrachtet und wie der Teufel gemieden“, heißt es in einer zeitgenössischen Reportage der „Film-Tribüne“.

„Schreck steht für eine Art Schauspieler, die es heute nicht mehr gibt“, sagt Stefan Eickhoff. „Er war sein eigener Maskenbildner, das war bei Bühnendarstellern damals nicht unüblich.“ Schreck, dessen Name sich heute nur noch mit „Nosferatu“ verbindet, ist in Dutzenden von Theaterstücken und Filmen aufgetreten, vom Tower-Kommandanten in Shakespeares „Richard III.“ bis zum Kammerdiener in Tonfilmkomödien wie „Ein Mann mit Herz“. Eickhoff hat eine umfassende, farbig erzählte Schreck-Biografie geschrieben, die eine versunkene Welt der Hof- und Wandertheater und der frühen Filmindustrie auferstehen lässt.

So ein Buch über den Schauspieler gab es bislang nicht, und das ist erstaunlich, denn „Nosferatu“ hatte Schreck nicht nur zum Ahnherrn nachfolgender Film-Unholde, sondern auch zu einer Figur der Populärkultur gemacht. Werner Herzog drehte ein Remake des Murnau-Klassikers mit Klaus Kinski. Es entstand sogar ein Hollywood-Spielfilm über die „Nosferatu“-Produktion, „Shadow of the Vampire“, mit John Malkovich als Murnau und Willem Dafoe als Schreck. Und noch „Shrek“, das freundliche Monster aus dem gleichnamigen Dreamworks-Trickfilm, huldigt dem bleichen Helden.

Max Schreck hieß wirklich so. Geboren 1879 in Berlin als Sohn eines königlich-preußischen Topografen, der Landkarten fürs Militär fertigte, wächst er in der neu gegründeten Landhauskolonie Friedenau auf. Nach einer Ausbildung in der königlichen Schauspielschule schließt er sich aber 1901 als „Charakterspieler“ wechselnden Tourneetheatertruppen an. Bald lernt er dabei die Schauspielerin Fanny Normann kennen, seine künftige Ehefrau. Im Sommer wird schon mal auf einer Wiese hinter dem Speyerer Dom geprobt, für ihre Unterkunft müssen die Schauspieler oft selbst aufkommen, mitunter wird ihnen auch ihre Gage vorenthalten. Schreck wird zu einem Virtuosen des Unheimlichen. Für die Partie eines diabolischen Grafen sei er „wie geschaffen“, lobt ein Kritiker. Sein erstes Engagement an einer festen Bühne bekommt Schreck in Luzern, über Verträge unter anderem in Zittau, Jena, Bremen, Gera bringt er es 1919 bis an die Münchner Kammerspiele, wo Intendant Otto Falckenberg damals das beste Ensemble der deutschen Bühnenwelt versammelt.

Es ist kein Nachlass von Schreck überliefert, und es gibt niemanden mehr, der ihn kannte. Biograf Eickhoff hat zehn Jahre an „Gespenstertheater“ gearbeitet und dabei alle Stationen von Schrecks Lebensweg abgeklappert, bis hin zur Insel Rab in Istrien, wo er „Die Finanzen des Großherzogs“ gedreht hat, seinen zweiten Film mit Murnau. In Stadt- und Theaterarchiven fand Eickhoff Besetzungszettel und Bühnenfotos, von der Großnichte der Schauspielerwitwe bekam er zwei Alben mit Privataufnahmen. Der 43-jährige Autor, kein studierter Filmwissenschaftler, aber inzwischen freier Mitarbeiter des Bundesfilmarchivs, war schon als Schüler ein Stummfilmfan und korrespondierte mit der legendären Filmkritikerin Lotte Eisner.

„Man war halt niemand noch, wenn man nicht in Berlin seinen Mann gestellt hatte“, hat Fritz Kortner über das Theater der Weimarer Republik angemerkt. Max Schreck wird 1922, mit 43 Jahren, ans Berliner Staatstheater geholt, wo er bis 1930 bleiben wird. Ein Engagement an Max Reinhardts Deutschem Theater war 1917/18 nur ein enttäuschendes Intermezzo gewesen. Alfred Kerr würdigt ihn als „langen Säusler“, in „Hanneles Himmelfahrt“ hat er als „Todesengel“ einen Nosferatu-artigen Auftritt. Als Molières „Geiziger“ ist Schreck aasig und verschlagen, Murnau könnte ihn noch in München in der Rolle gesehen haben. Regelmäßig vor der Kamera steht der Schauspieler erst ab 1920. Im Kostümschinken „Der Favorit der Königin“ gibt er mit tänzerischen Bewegungen einen servilen Händler, in der Bestsellerverfilmung „Der Tunnel“ schmaucht er als Kapitalist Pfeife.

Als Max Schreck 1936 stirbt, spricht Otto Falckenberg in der Grabrede von der „abseitigen und versponnenen Welt“ seines Daseins. Der Schauspieler muss kauzig gewesen sein. Er schwärmte von der Natur, unternahm lange Wanderungen. Falckenberg lobte einen Hauptcharakterzug von Schreck: Treue. Man könnte einen anderen hinzufügen: Mut. In München macht Max Schreck noch im Januar 1933 Kabarett. In Erika Manns „Pfeffermühle“ hat er einen umjubelten Auftritt als Koch, der seinen Gästen „Irishstew auf Führerart“ serviert und ein hackender und backender, garnierender und verzierender Menschenvergifter ist. Über den Fledermausohren wölbt sich die Kochmütze empor, seine Augen glühen.

Stefan Eickhoff: Max Schreck – Gespenstertheater. Belleville-Verlag, München 2009, 575 S., 39 €.

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