Kultur : Stunde der Anhalter

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SOTTO VOCE

Jörg Königsdorf über

Besuch aus der Provinz

Sie kommen aus SachsenAnhalt und nutzen die Gunst der Weihnachtsstunde: Während die glücklichen Philharmoniker, DSO- und BSOler daheim um die Tannenbäume tanzen und natürlich schon eifrig für ihre Silvesterkonzerte üben, füllen die Orchester aus der so genannten Provinz die verwaisten Konzertsäle. Was keine schlechte Idee ist, denn erstens haben die Leute an den Feiertagen schließlich Zeit und Lust, ins Konzert zu gehen, und zweitens haben diese Ensembles nur so überhaupt eine Chance, im Konzertangebot der Stadt wahrgenommen zu werden. Denn auch wenn alljährlich einmal anlässlich der Hallenser Händel-Festspiele die Qualität des dortigen Händel-Festspielorchesters gelobt wird, auch wenn die gar nicht so wenigen Opernpendler nach Dessau vom hoch respektablen Niveau der Anhaltischen Staatskapelle berichten, im Zweifelsfall hat man derlei zwischendurch wieder vergessen und geht doch zu den Philharmonikern.

An Weihnachten ist das, wie gesagt, anders, und die Konkurrenzsituation entspannter. Den Anfang dieser kleinen Präsentation der Sachsen-Anhaltischen Orchesterkultur macht am 25. im Konzerthaus die Anhaltische Staatskapelle Dessau mit ihrem jungen neuen Generalmusikdirektor Golo Berg. Seine ungewöhnlichen, spannenden Programmzusammenstellungen hat der 35-Jährige festtagshalber daheim gelassen und bringt dafür zwei Dauerbrenner russischer Sinfonik: Rimsky-Korsakows opulente „Scheherazade“ und Tschaikowskys erstes Klavierkonzert.

Noch spannender ist tags darauf der Auftritt des Händel-Festspielorchesters Halle im Kammermusiksaal der Philharmonie . Denn die Musiker bringen mit dem Weihnachtsoratorium „Il verbo in carne“ des italienischen Barockmeisters Niccolo Porpora nicht nur eine Rarität mit, sondern sind zugleich eine Institutioenn, die auch für Berlin Modellcharakter haben könnte. Das Alte-Musik-Ensemble besteht nämlich im Wesentlichen aus Mitgliedern des Hallenser Opernorchesters, die sich unter Anleitung von Spezialisten in jahrelanger Arbeit das Spiel auf historischen Instrumenten angeeignet haben. Der hallenser Weg ist ein glücklicher und stadttheaterkompatibler Kompromiss zwischen „normalem“ Orchesterspiel und Hardcore-Spezialensembles, von dem etwa die Komische Oper bei ihrer Händel-Pflege einiges lernen könnte. Geleitet wird die Aufführung übrigens von Marcus Creed, dem ehemaligen Leiter des RIAS-Kammerchors, die Besetzung ist mit Halles Händel-Diva Romelia Lichtenstein, Star-Altus Axel Köhler und dem Barocktenor Markus Brutscher angemessen prunkvoll. Und für alle, die Weihnachten lieber zu Hause bleiben: Halle und Dessau sind gar nicht so weit.

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