Kultur : Stunde der Lust

Fanny Ardant spielt im Berliner Renaissance-Theater Marguerite Duras

Rüdiger Schaper

Das Messer. Die Hand. Die Hüfte. Es ist kaum auszuhalten, wie diese Frau eine leere schwarze Bühne beherrscht, einen Text von mörderischer Zartheit, einen Zuschauerraum mit fünfhundert Augenpaaren, die sie in einen Abgrund von Schönheit, Sehnsucht und Schmerzlust schauen lässt. Fanny Ardant spielt, spricht, ist „La Maladie de la Mort“ der Marguerite Duras. Zweitägiges Gastspiel vom Théatre de la Madeleine Paris im Berliner Renaissance-Theater nur, schon ist sie wieder abgereist, und man kann, man will sich nicht befreien von der Maladie, der Melodie, dem Geschmack dieser Madeleine.

„Die Krankheit Tod“: Der deutsche Titel vom Übersetzer Peter Handke trifft es nicht. Ist zu schwer. Wie damals, Anfang der achtziger Jahre, Handkes Filmversion und später Robert Wilsons Inszenierung an der Schaubühne mit Libgart Schwarz und Peter Fitz. Zu schwer, zu bedeutungsvoll. Zu bildverliebt. Das Tragische zu spüren, zu riskieren, ohne Tragödie oder Drama: Vielleicht ist es das. Denn das Prosagedicht, diese wenigen Buchseiten der Marguerite Duras, die vor zehn Jahren starb, liegt im Konjunktiv. Das ist das Wesen der Liebe. Das ist das eigentümlich Kreatürliche dieser unmöglichen, gedachten Liebe.

Ein Mann und eine Frau, in einem Zimmer am Meer. Er bezahlt sie, um ihre schiere Existenz zu studieren, ihre Passivität, wie sie anspricht auf seine Berührungen. Ein paar Wochen, ein ganzes Leben lang könnte das so gehen. Es ist zugleich eine äußere und eine innere Stimme, die dieses Beieinandersein imaginiert. Manchmal hört man in der Inszenierung von Bérangère Bonvoisin das Rauschen der Wellen oder des Regens. Son et lumière: Wie Ricardo Aronovichs Lichtdesign die Gestalt der Ardant, ihre Augen, ihren Mund mehr verhüllt als ausschneidet, auch das gehört zur Meisterschaft dieser Französischstunde, die eine Schule des Zuhörens ist.

Fanny Ardant trägt schlichtes, elegantes Schwarz. Das Messer in ihrer Hand klappt auf, klappt zu, sie drückt es gegen ihren Körper. Auch dies Requisit: ein Konjunktiv. Ein Mord, der begangen werden könnte. Einmal liegt sie am Boden, einmal kauert sie an der dunklen Wand, sie nimmt wenige, gerade Gänge über die Bühne. Wenn man nur das leichte Einknicken ihrer Hüfte betrachtet, ist man verzaubert. Sie hält ihre Stimme, die samtig ist und etwas rau, auf einem Ton von tief im Innern gebremster Erregung. Allein, wie sie ein Streichholz hält, ein Rotweinglas wegwirft ...

Es ist ein schwebendes Regime über die Worte und die Fantasien, die sie auslösen. Die natürliche Dominanz, die bezwingende Aura des Filmstars stürzt den Zuschauer in eine seltsame Melancholie; jenes kaum zu beschreibende Gefühl, das einen beim Betrachten eines Renaissancegemäldes oder eines griechischen Marmorrückens befällt.

François Truffaut hat sie für das Kino entdeckt, und die beiden Filme, die er vor seinem so frühen Tod noch mit ihr drehen konnte („Die Frau von nebenan“, „Auf Liebe und Tod“), waren Liebeserklärungen. Und etwas ist geblieben von Truffauts Blick auf dieses Gesicht, dieses Lächeln, diesen Gang. Als ob sie den Blick umkehrte: nicht fordernd, aber provozierend. Nicht unnahbar, aber unerreichbar.

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