Kultur : Stunde der Schafe

Von Denis Scheck, Literaturkritiker

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Denis Scheck, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, bespricht monatlich die „Spiegel“-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner Fernsehsendung „Druckfrisch“ im Ersten (heute, 23 Uhr 30, zu Gast in der Sendung Franz Xaver Kroetz, Salman Rushdie).

 Zum Thema Tagesspiegel Online: Literatur Spezial
 Service Online bestellen: "Es geht uns gut"
10) Arno Geiger: Es geht uns gut (Hanser Verlag, 390 S., 21,50 €)

Im Supermarkt der Therapieangebote würde man das, was der Österreicher Arno Geiger in seinem kunstvollen Roman macht, eine Familienaufstellung nennen: drei Generationen von der Nazizeit bis in unsere Gegenwart begegnen dem Leser. Faszinierend vielschichtig weiß Geiger von den Leichen im Keller dieser Familie zu erzählen – und vom Unsinn des Streits zwischen den Generationen: „Wer gewinnt? Keiner. Die eine Seite verliert nur langsamer als die andere.“

 Service Online bestellen: "Zurück zu Dir"
9) Marc Levy: Zurück zu Dir (Aus dem Französischen von Bettina Runge und Elisabeth Hagedorn, Droemer Knaur Verlag, 336 S., 16, 90 €)

Dies ist die Fortsetzung einer Liebesgeschichte zwischen einem Mann, einer Frau, die im Koma liegt, und deren Geist. Am Ende der Lektüre liegen Mann und Frau einander in den Armen und die Leser dieser zwar nicht geist-, aber espritlosen Schnulze im Koma.

 Service Online bestellen: "Großmama packt aus"
8) Irene Dische: Großmama packt aus (Aus dem Amerikanischen von Reinhard Kaiser, Hoffmann & Campe Verlag, 366 S., 23 €)

Oma erzählt vom Krieg. Und vom davor und danach. Und weil diese Großmama einerseits eine rasende Antisemitin, andererseits nun mal mit dem Juden Carl verheiratet ist, weil sie zudem das Ganze aus dem Jenseits erzählt und weil ihre Erfinderin Irene Dische eine Spezialistin für die Demontage von Lebenslügen ist, deshalb ist diese Chronik einer katholisch-jüdischen Familie zwischen Schlesien und New Jersey ein großer Spaß. Und wenn der Hoffmann und Campe Verlag für die nächste Auflage dieses Buchs ein Papier nimmt, in dem die Schrift nicht so durchscheint, dann könnte das Vergnügen ganz ungetrübt sein.

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7) Ken Follett: Eisfieber (Aus dem Englischen von Till R. Lohmeyer und Christel Rost, Lübbe Verlag, 461 S., 22,90 €)

Es gibt Mischlinge, die sehen auch auf den zweiten Blick schlicht albern aus: halb Rehpinscher, halb Rottweiler etwa, oder halb Boxer, halb Cockerspaniel. Dieses Buch über einen Killervirus ist so ein armer Hund: die Kreuzung eines High-Tech-Thrillers mit einem Familienroman ist Follett nicht gelungen. Aber seltsamerweise löst dieser missratene Krimi in mir eine ähnliche Konträrfaszination aus wie so ein lächerlicher Hund: man muss ihn einfach ganz doll lieb haben.

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6) Dan Brown: Diabolus (Aus dem Amerikanischen von Peter A. Schmidt, Lübbe Verlag, 524 S., 19,90 €)

Dieses Buch kann sich nur aus den niedersten Beweggründen auf die Bestsellerliste verirrt haben: aus literarischer Schadenfreude. Wie jene Schaulustigen bei Unfällen auf der Autobahn, wollen offenbar Hunderttausende von Literaturvoyeuren sich mit eigenen Augen davon überzeugen, dass der Verfasser des hochspannenden Romans „Sakrileg“ wenige Jahre zuvor einen so unglaublich dilettantischen Schmarren über Kryptographie geschrieben hat. Fragt sich nur, ob nun „Sakrileg“ oder „Diabolus“ der Unfall ist.

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5) Francois Lelord: Hectors Reise (Aus dem Französischen von Ralf Pannowitsch, 187 S., 16,90 €)

Haben Sie noch die Stimme von Elmar Gunsch im Ohr? Dieses vor Lebensweisheit triefende Timbre? In genau diesem Elmar-Gunsch-Sound ist Lelords Buch über die Suche eines Psychiaters nach dem Glück geschrieben. Irgendwann hatten die Deutschen es satt, von einer so schönen Stimme immer so schlechtes Wetter angesagt zu bekommen. Irgendwann werden sie auch den verlogenen Quark des Francois Lelord dicke haben.

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4) Leonie Swann: Glennkill (Goldmann Verlag, 371 S., 17,90€)

Der Schäfer ist tot: Ein Schaf ermittelt. Mehr braucht es manchmal nicht für einen richtig tollen Krimi. Das Leben kann so einfach sein.

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3) J.K. Rowling: Harry Potter und der Halbblutprinz (Aus dem Englischen von Klaus Fritz, Carlsen Verlag, 656 S., 22,50 €)

Im sechsten Band erfahren wir mehr über Kindheit und Jugend von Ihm, dessen Namen nicht genannt werden darf, alias Lord Voldemort. Das eigentliche Thema der erfolgreichsten Romanserie der Gegenwart ist aber auch im neuen „Harry Potter“ der unausweichliche Tod naher Angehöriger und Freunde. Im Grunde müssten Rowlings Romane deshalb Panik im Kinderzimmer auslösen – und noch mehr unter ihren erwachsenen, also todesnäheren Lesern. Dass sie es nicht tun, spricht für die Kunst ihrer Autorin – eine Kunst, die mit dem Tod versöhnt. Vielleicht allerdings bringen sich Harry-Potter-Leser aber auch einfach deshalb nicht um, weil sie nicht sterben wollen, ehe sie erfahren, wie’s ausgeht?

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2) Dan Brown: Sakrileg (Deutsch von Piet van Poll, Lübbe Verlag, 605 S., 19,90 €)

Geheimbünde, jahrtausendealte Verschwörungen und eine Schnitzeljagd quer durch die Kulturgeschichte: das sind die Ingredienzien, aus denen Dan Brown seinen Schmöker über die Kinder von Jesus und Maria Magdalena zusammengebraut hat. Mehr als einen Lektüredurchgang verträgt dieser Roman nicht. Ein Buch wie ein One-Night-Stand: ein oberflächliches Vergnügen, aber ein Vergnügen.

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1) Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt (Rowohlt Verlag, 304 S., 19,90 €)

Dieses Roman ist der größte kommerzielle Erfolg der jungen deutschen Literatur seit Jahren. Der größte Einwand gegen ihn sei nicht verschwiegen: Es ist ein bisschen ein Schweinchen-Schlau-Roman. Aber Kehlmann verknüpft darin nicht nur die Lebensläufe und Weltanschauungen zweier großer deutscher Aufklärer, sondern gewinnt dieser Gegenüberstellung überraschende Komik ab: hier Alexander von Humboldt, der gegen die Grenzen der bekannten Welt anrennt, dort Carl Friedrich Gauss, der gegen die Grenzen der Zeit selbst rebelliert. Ein gutes Buch.

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