Kultur : Stundenglas und Hochzeitskranz

GRAFIK

Christina Tilmann

Dass ihre Bilder die Reaktion auf den Tod des Vaters sind: Man mag es gar nicht wissen. Zu lebensvoll die Motive, als dass sie von endgültigem Abschied künden könnten. Die Kärntner Künstlerin Lisa Huber, die 1990 als Daad-Stipendiatin nach Berlin kam und blieb, hat in ihrer monumentalen Holzschnittfolge Totentanz den Tod zum Tanzen gebracht. In bis zu sechs Meter breiten, auf Leinen gedruckten kolorierten Holzschnitten wiegen sich weiße Skelette in den Hüften. Die Emmaus-Kirche in Berlin-Kreuzberg, die in Vorbereitung auf den Ökumenischen Kirchentag ein Themenzentrum unter dem Motto „Den Sterbenden ein Segen sein“ eingerichtet hat, hat vier der Holzschnitte wie Hungertücher über den Altar gehängt (geöffnet während der Gottesdienste: 25.4., 9.5., 23.5., 6.6., jeweils 17 Uhr und während des Kirchentags 28.-31.5. 10-24 Uhr).

Ganz in der mittelalterlichen Totentanz-Tradition hantiert Lisa Huber mit Symbolen, mit Krone, Stundenglas und Hochzeitskranz, und findet doch neue Bilder in alter Formensprache. „Mit den Gebeinen die Birnen vom Baum schlagen“ heißt eine Folge, „Geh in das Totenhaus und suche aus den Köpfen einen Adligen heraus“ eine andere. Leben und Tod halten sich die Waage in den Holzschnitten, auf denen die weißen Skelette sich leichtfüßig im Takt bewegen, während buntfarbige Kleider im Winde wehen. Der Tod und das Mädchen, von dem nur noch die Hülle bleibt, tanzen in fröhlicher Partnerschaft, und in das Bild hinein ragen grüne Hände, die Blätter vom Lebensbaum pflücken, Asche verstreuen und das Stundenglas halten. Vielleicht sind sie Zeichen eines der „bleibenden Boten,/der noch weit in die Türen der Toten/Schalen mit rühmlichen Früchten hält“, wie es in Rilkes Sonetten an Orpheus heißt.

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