Kultur : Sturm der Stile

Die Camaro-Stiftung fördert Künstler mit interdisziplinären Interessen

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Im Haus des Großvaters. Camaros Enkelin Jacqueline Falk sichtet Aquarelle des Künstlers aus Stiftungsbesitz. Foto: Paul Zinken
Im Haus des Großvaters. Camaros Enkelin Jacqueline Falk sichtet Aquarelle des Künstlers aus Stiftungsbesitz. Foto: Paul Zinken

Sie geben Geld und machen es möglich, dass junge Künstler eine Weile ohne finanziellen Druck arbeiten können: Berliner Stiftungen und andere Institutionen, bei denen man sich für Stipendien oder Ateliers bewerben kann. In unserer Sommerserie, die heute zuende geht, stellen wir diese Einrichtungen vor – und die Menschen, die ihnen ein Gesicht geben.

Es ist eins dieser kleinen Wunder auf der Potsdamer Straße. Man nimmt die Durchfahrt eines schneeweißen, aber nicht prunkvollen Hauses. Und gelangt in einen Hof, der sich als historische Gartenanlage entpuppt. Mit Springbrunnen und Goldfischen, üppigem Grün und einem kubischen Ziegelbau, der schon vor hundert Jahren Atelierhaus war. Hier arbeiteten Künstlerinnen wie Käthe Kollwitz oder Paula Modersohn-Becker, denen damals der Zugang zur Akademie verwehrt war.

In jüngerer Zeit gab hochfliegende Pläne für das Kleinod, geplant waren luxuriöse Lofts für Vermögende. Doch die ließen sich nicht in den heterogenen Bezirk locken, und so machten die Immobilienentwickler Platz für eine weit passendere Idee: Mit der Alexander-und-Renata Camaro-Stiftung ist in das Obergeschoss nun erneut die Kunst eingezogen. Ganz frisch und fast noch in Pappkisten.

Sie beherbergen das Lebenswerk zweier außergewöhnlicher Charaktere. Rund 800 Gemälde, dazu unzählige Fotos, Filme und Dokumente, die das alte West-Berlin wieder aufleben lassen. Nicht als stillgestellte Stadt der späten Jahre. Sondern jene Szene nach 1945, die noch vom wilden Erbe aus Dada-Zeiten zehrte. Wer bitte weiß heute noch etwas über „Die Badewanne“? Alexander Camaro gründete das surreale Künstlerkabarett 1949 zusammen mit den Malern Hans Laabs und Wolfgang Frankenstein. Wer hat im Kopf, dass Camaro zweimal an der Documenta in Kassel teilnahm, 1983 den Lovis-Corinth-Preis erhielt und bereits ab 1951 an der Hochschule der Künste lehrte. Rosa von Praunheim gehörte zu seinen Studenten.

Dass es Zeit ist für eine Auffrischung des Wissens, dachte sich die Stiftung. Und gab im Frühjahr ihr Debüt mit einer Ausstellung in der Berliner Philharmonie. Denn auch dort hat Camaro gewirkt und seinem Freund Hans Scharoun, dem erklärten Kunst-am-Bau- Feind, keine Skulpturen ins Foyer gestellt. Sondern farbige Glasbausteine zu ornamentalen Fenstern in der Fassade zusammengesetzt.

Nun ist man im Haus an der Potsdamer Straße angekommen. Die Stiftung mit einem Grundkapital von 3,4 Mio. Euro hat die Immobile erworben und im Gegenzug ein Sylter Grundstück verkauft, auf dem das Sommerhaus des Künstlerpaares stand. Camaros Herz aber schlug für Berlin, am Schöneberger Ufer hatte er sein Atelier. Von hier aus machten sich auch die Mitglieder der Stiftung auf die Suche – und entdeckten mit dem Backsteinbau um die Ecke einen Ort, der mit Geschichte aufgeladen ist. Genau wie jetzt die weitläufige Etage. Hier stehen Möbel des 1992 verstorbenen Künstlers, dem eine Disziplin nie genügte. Camaro war Maler, Tänzer, Poet und Varieté-Direktor im schwarzen Frack und mit falschem Schnurrbart. An seiner alten Garderobe hängen noch diverse Masken. Dass man sich dennoch nicht in einem Mausoleum wähnt, liegt an der Stiftung. Mit großer Energie plant sie für November ein Fest zur offiziellen Eröffnung ihrer Räume. Camaro hätte das gefallen, glaubt Enkelin Jacqueline Falk. Nach allem, was sie über ihren Großvater weiß. Auch wenn die beiden bis zu Camaros Tod nicht viel Kontakt hatten. „Das lag an der Familiengeschichte. Meine Mutter und er waren irgendwann entzweit“, erzählt die in Liechtenstein lebende Grafikerin. Dafür hat sie sich seit der Gründung der Stiftung vor zwei Jahren intensiv mit dem Nachlass beschäftigt. Auch eine Art, Nähe herzustellen.

Es war viel aufzuarbeiten und gibt noch immer reichlich zu tun. Camaros Witwe, die 2009 verstarb, hat das Werk ihres Mannes zusammenhalten wollen und deshalb in guter Absicht ab den neunziger Jahren Bilder aus Galerien und von Sammlern zurückgekauft. Ein Bärendienst, denn so verschwand der Künstler zugleich ein Stück aus der Öffentlichkeit. Zumal schon Camaro nie als großer Stratege agierte, sondern sich vorrangig um seine Kunst kümmerte. Was sich – unter anderem in den Berliner Galerien Gerd Rosen und Bremer – verkaufte, kümmerte ihn wenig. Finanziell abgesichert war der Künstler, der während der zwanziger Jahre erst in Breslau bei dem Expressionisten Otto Mueller Malerei studierte und sich anschließend im Ausdruckstanz von Mary Wigman unterrichten ließ, durch seine Professur.

Die Ergebnisse seiner rastlosen Produktion sind schon im Camaro-Haus zu sehen Eine erste Ausstellung im imposanten Saal präsentiert ausgewählte Werke. Einen Querschnitt, so hat es Ursula Prinz als Kuratorin entschieden. Gemeinsam mit der früheren Vizechefin der Berlinischen Galerie sitzen auch Markus Krause von der Villa Grisebach und Camaros Tochter Jadwiga Falk-Ley im Stiftungsbeirat. Ihre Aufgaben sind so vielfältig wie Camaros Oeuvre, das beim ersten Ansehen etwas heterogen wirken mag. Auf den zweiten Blick offenbart es die vielgestaltigen Interessen eines Künstlers, der alle Strömungen seiner Zeit aufsog und daraus immer Neues schuf. Flächige Abstraktionen sind ebenso darunter wie zarte Porträts schaukelnder Frauen oder ein fliehender Fuchs, der sich als rote Farbspur im Unterholz verliert. Manche Sujets wirken heute verstaubt, andere ganz nah an der Zeit. Es gilt Ordnung zu schaffen im Sturm der Stile, zwischen Filmmaterial, Texten und Gemälden. Eine Aufgabe für den ersten Stipendiaten, der in den nächsten Monaten gefunden werden soll: ein Kunsthistoriker, der mit Unterstützung endlich Camaros Werkverzeichnis erstellt.

Ein zweites Stipendium vergibt die Stiftung im kommenden Jahr. „Wir arbeiten noch an der konkreten Ausschreibung“, sagt Jacqueline Falk. Klar ist jedoch das Profil: Es soll ein interdisziplinäres Talent gefördert werden. Ganz wie Camaro, für den Tanz, Sprache und Malerei selbstverständliche Verbindungen eingingen.

Im Dachgeschoss des Hauses plant die Stiftung Ateliers für künftige Stipendiaten. Im Saal möchte sie neben Camaro andere Künstler zeigen, zu Diskussionen oder Performances laden und überhaupt ein offenes Haus für junge, neugierige Besucher werden. Auch das hätte Renata und Alexander Camaro gefallen.

Camaro-Haus, Potsdamer Straße 98 A, www.camaro-stiftung.de. Die Ausstellung ist nach Anmeldung (Tel.: 26 3 9 2975 o. info@camaro-stiftung.de) zu sehen.

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