Kultur : Sturm & Angst

Barenboim dirigiert Verdis „Requiem“ – mit Villazón

Christiane Peitz

Ein Raunen geht durch die Philharmonie, ein Windhauch von Verdi. Schon beim ersten gewisperten „Requiem“ des Staatsopernchors ahnt man den Sturm, der sich erheben wird, unmerklich, unaufhaltsam. Daniel Barenboim entfesselt die Elemente von Verdis Totenmesse, diesem hochdramatischen Klage-Oratorium von 1874: ein Zauberlehrling, der sich die mal hochfahrenden, mal schreckerstarrten Gesten der zu Ehren des italienischen Nationaldichters Alessandro Manzoni komponierten Messe zu eigen macht.

Barenboim, die Staatskapelle, der Chor und das hochkarätige Solistenensemble mit Anja Harteros, Sonia Ganassi, René Pape und Startenor Rolando Villazón: Sie alle zelebrieren weniger eine liturgische Feier, als dass sie Aggregatzustände von Furcht und Schrecken, Angst und Trauer beschwören. Extrem-Emotionen, schockgefroren. Das „Dies irae“: ein Fanal mit ganz großer Trommel und harschen Widerreden der Streicher, alle paar Takte ein neuer, apokalyptischer Ritt samt zittrig nachbebendem Grund. Und das Geigentremolo im „Lux aeterna“ schickt einen Lichtstrahl aus fernen Galaxien.

Das Vertrackte an Verdis „Kirchenoper“ ist nicht ihre expressive Theatralik, sondern das Kurzatmige. Wundersam flüchtige Effekte: das immer schärfere Gleißen der Trompeten beim jüngsten Gericht. Der geflüsterte Tod von René Pape. Seine Höllenautorität im „Confutatis“. Stammeln. Seufzen. Schluchzen. Das Unisono der Einsamkeit im „Agnus Dei“. Die Demut, mit der Sonia Ganassi die Phrasenenden zurücknimmt. Und die Erotik des Religiösen, wenn Anja Harteros’ Sopran die Italianità zur frömmsten Kirchentonart der Welt erklärt.

Allerdings fehlt der innere Puls, der Bogen, der all das in eine höhere Ordnung überführte. Das Ganze bleibt weniger als die Summe seiner Teile. Auch gestaltet der Chor etwa den Notentext über weite Strecken kaum, sondern absolviert solide seine Partie. Selbst wenn man konzediert, dass Barenboim die Tutti und Fugati weniger vokal denn als instrumentales Klangregister einsetzt: Vom Staatsopernchor ist man Prägnanteres gewöhnt.

Und Rolando Villazón? „Quid sum miser“ – „Weh, was werd ich Armer sagen“. Mit diesen Versen wendet er sich nach einem halben Jahr Schonzeit wegen Stimmüberreizung (und vor seinem Liederabend mit Barenboim während der Staatsopern-Festtage am 22. März) erstmals wieder an das Berliner Publikum. Auch im „Ingemisco“, so will es der lateinische Text, steht er „seufzend“ da, mit „schamrot“ glühenden Wangen: Als hätte Verdi ihm die Bitte um Vergebung für jegliche Indisposition ins Gesangbuch diktiert. Sein Flehen hat etwas Berührendes, zumal man leise erschrickt, wenn Villazóns berühmte Geschmeidigkeit nur wenig auszurichten vermag neben dem sonoren Pape und den ihn überstimmenden Sängerinnen. Wegen ihm gerät gar die Intonation des a-cappella-Quartetts im „Lacrimosa“ ins Wanken, ebenso das Solistentrio des „Lux aeterna“.

Finaler Höhepunkt: die sehrende Verzweiflung des „Libera me“. Anja Harteros’ Psalmodieren grenzt an religiöse Ekstase. Jubel im Saal. Christiane Peitz

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben